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7/8.2015




Wien : Amie Siegel


von: Patricia Grzonka

  
Amie Siegel · Provenance, 2013, Courtesy Simon Preston Gallery, New York und MAK/Nathan Murrell


Der Schweizer Architekt Pierre Jeanneret entwarf in den Fünfzigerjahren das Mobiliar für die Verwaltungsmetropole Chandigarh seines Cousins Le Corbusier, und er leitete auch die Generalbebauung der indischen Planstadt. In internationalen Kunst- und Designsammlungen finden sich unzählige Stücke von Jeannerets charakteristischen Fauteuils mit Holzrahmen - von deren Existenz edle Farbseiten in Hochglanzmagazinen und Designfibeln bis heute Bericht ablegen.
Die US-amerikanische Künstlerin Amie Siegel (*1974) erzählt die Geschichte solcher Möbelstücke in ihrem Film ‹Provenance›, indem sie diese zunächst an ihren exklusiven Standorten in Privatwohnungen aufspürt und als leblos-stumme Protagonisten einer zeitgeistigen Interior-Design-Welt porträtiert. Im Verlauf des Films verfolgt sie deren Weg aber zurück und zeigt auch den Produktewandel, dem die hochpreisig gehandelten Möbel in Restaurierungswerkstätten, bei Fotoshootings für Auktionskataloge oder auf Versteigerungen durchliefen. Bisweilen grotesk muten die Versuche an, die bis aufs Holzgerüst skelettierten Sessel durch manche artfremden Polsterbezüge kunstmarkttauglich zu machen.
Siegel begleitet die Designklassiker filmisch in kühlen, emotionslosen, sachlichen Aufnahmen - die Welt des Kunsthandels scheint eine humorlose zu sein - bis zum Ursprungsort Chandigarh, wo sie als Alltagsmobiliar der Angestellten der Verwaltung in Gebrauch waren. Im Licht des 21. Jahrhunderts bröckeln nun nicht nur die einst hoffnungsvoll gefeierten Betonbauten Le Corbusiers in elegischen Bildern vor sich hin, auch die zum Teil noch dort befindlichen, in Massen gestapelten Mobiliar-Restbestände vermögen nur einen matten Abglanz der einstigen modernistischen Vision zu vermitteln.
Im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) wird die dreiteilige Installation, die u.a. im Metropolitan Museum of Art in New York und im Whitney Museum zu sehen war, auf ­einer eigenen Ausstellungsebene im Bereich der Designsammlung gezeigt. Das Video ‹Lot 248› - eine Dokumentation der Versteigerung von Siegels Arbeit ‹Provenance› bei Christie's - und ein Exemplar des Auktionskatalogs in Spezialglas gefasst, schliessen den ökonomischen Kreislauf des Werks, den die Künstlerin als kritische Reflexion des Kunst- und Designmarkts intendiert hat, wohltemperiert inszeniert ab. Hard Facts des Kunstmarkts bleiben im Rahmen dieser kontemplativen Betrachtung von Kontextverschiebungen allerdings ausgespart.

Bis: 23.08.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen Amie Siegel [05.05.15-23.08.15]
Institutionen MAK - Museum für Angewandte Kunst [Wien/Österreich]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Amie Siegel
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