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Hinweis
7/8.2015




Zürich : Art Brut Japan


von: Dominique von Burg

  
links: Shinichi Sawada · o.T., o.D., Ton glasiert, 46x19x24 cm
rechts: Takashi Shuji, Knochen, Pastell auf Papier, 79,1x54,7 cm


Wundersame Arbeiten erfüllen die legendären Räume des Musée Visionnaire, vormals Galerie Lelong, mit animistischem Leben. Die Ausstellung mit Werken von mehrheitlich jungen japanischen Art-Brut-Kunstschaffenden ist in Zusammenarbeit mit dem Museum im Lagerhaus, Stiftung für schweizerische Naive, Kunst und Art Brut, St.Gallen, entstanden, das 2014 eine grosse Schau ‹Art Brut Japan - Schweiz› zeigte. Die nun ausgewählten Positionen sind mit Fotografien über Eijiro Miyama und Shinichi Sawada des renommierten Schweizer Fotografen Mario Del Curto (*1955) ergänzt, die zusammen mit dem Film über den Künstler Macoto Toya erstmals gezeigt werden.Neben Shinichi Sawada, dem autistischen Künstler und Shootingstar der letzten Biennale in Venedig, der nach einer Jahrtausende alten Tradition geheimnisvolle, stachlige Objekte aus Ton einer ureigenen Geisteswelt formt, sind auch neue Werke japanischer Art Brut zu sehen, die bislang noch nie in Europa gezeigt wurden: etwa ausdrucksstarke Zeichnungen von Takashi Shuji (*1974) und Kenji Tomiyama (*1957) sowie Hefte von Takuma Uchida (*1982). Während der achtzigjährige Eijiro ­Miyama (*1934) in bizarrer Aufmachung durch die Strassen von Yokohama gondelt, fällt in vielen Werken das geringe Alter einer Genera­tion auf, die mit Manga und Anime aufgewachsen ist; so etwa die roboterartigen Miniaturkrieger aus Aluminiumbändern von Shota Katsube (*1991). Dagegen sind die meist nackten, genähten Stoffpuppen von Sakiko Kono (*1945), die eine Parallelwelt ihres Wohnheims bevölkern, von subtiler Einfachheit. Die Städtevisionen mit realen, oft technoiden Versatzstücken von Yuji Tsuji (*1977) und Norimitsu Kokubo (*1995) geben zu bedenken, dass Maschinenträume und technische Systeme sich sowohl in Asien wie auch in Europas wiederholt in der Art Brut durchsetzten.
Die Ausstellung vereint fünfzehn autodidaktische Kunstschaffende, deren künstlerische Erfindungskraft sich losgelöst vom Kunstbetrieb entfaltet und in die Schaffung eigenständiger Welten mündet. Im Gegensatz zu Europa, wo sich das Interesse für die Art Brut erst aus der Avantgarde zu Beginn des 20. Jh. entwickelte, genoss diese in Japan auch in früheren Zeiten breite Aufmerksamkeit. Dabei wirft die Ausstellung Fragen auf: Ist Art Brut eine universelle Sprache, oder bestehen Unterschiede zwischen japanischer und europäischer Art Brut? Ist der Begriff angesichts der vielfältigen Inspirationen aus dem Internet und der Mangakultur überhaupt noch verwendbar?

Bis: 26.07.2015



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Ausgabe 7/8  2015
Ausstellungen New Generation - Art Brut aus Japan [01.04.15-26.07.15]
Institutionen Musée Visionnaire/Outsider Art [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
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