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Ansichten
9.2015


 Wir sind es gewohnt, täglich Bilder zu konsumieren. Wir sind es gewohnt, Bilder der Auslöschung von Bildern zu konsumieren. Wir sind es gewohnt, von den Bildern der Auslöschung konsumiert zu werden. Wir sind es nicht gewohnt, den Konsum der Bilder in Frage zu stellen. Der Künstler Marco Fedele di ­Catrano tut dies.


Ansichten - Weltbildmaschine im Installationsformat


  
Marco Fedele di Catrano · The Poet's Garden, 2015, Courtesy Balts Project Zürich


1997 ging der Nachtwächter Christoph Meili als erster Whistleblower in die Geschichte der Schweiz ein. Whistleblowing kannte man in der gemütlichen Schweiz sonst nur aus ­Spionagefilmen. Die grösste Schweizer Bank hatte über Jahrzehnte nachrichtenlosen Vermögen einfach «vergessen» und suchte mit einem Aktenschredder einen UBSexit aus der ehrbaren Bankenwelt zu verhindern. Mit dieser beabsichtigten Tat ramponierte die Grossbank allerdings nachhaltig das Renommee der Schweiz als «sauberer» Bankenplatz. Das sind die Fakten. Gleichzeitig markierte dieser medienwirksame Auftritt des Schredders auch dessen leises Karriereende. Im Zeitalter von Digitalisierung und Wikileaks war es vorbei mit diesen Bürogeräten. Out of order!
Die Beseitigung von Daten ist heute jedoch nicht einfacher geworden. Auch das ausgeklügelste Computerprogramm, das heikle Daten mehrmals mit einem Algorithmus überschreibt, um sie ins Reich der Vergessenheit zu befördern, garantiert keine Sicherheit vor Computerforensikern, die aus zermalmten Festplatten tröpfchenweise Geheimnisse pressen. Wir leben in der Zeit der totalen Reproduzierbarkeit, zugleich werden durch Auslöschung Werte generiert. Wer hätte schon die Statuen von Bamiyan gekannt, bevor sie einer Horde durchgeknallter Islamisten zum Opfer fielen? Es war nicht die Tat der Bärtigen, sondern der Gebrauch der Bilder der Tat, welcher schockierte. Erst die Vernichtung überführte die Statuen in das breite kulturelle Gedächtnis der Weltöffentlichkeit.
Die Bilder der Auslöschung - und das ist das Absurde - führen zur Stärkung der Erinnerung. So funktioniert die Weltbildmaschine. Und so macht das auch Marco Fedele di Catrano. In seiner Ausstellung ‹The Poet's Garden› hat er im kulturellen Niemandsland Altstettens eine Installation realisiert. Er hat von architektonischen Elementen im Raum Abgüsse gemacht und diese dann fotografiert. Das digitale Bild lässt er jede Minute auf Papier ausdrucken und in den Raum fallen. Dort können die Blätter dann vom Publikum geschreddert werden. Mit dieser sehr einfachen Installation, die aus der Skulptur ein Bild und dann wieder eine Papierskulptur macht, hat der Künstler ein Perpetuum mobile der Kunst erschaffen, eine Maschine, die sich selbst mit Bildern füttert, diese verdaut und neue Bilder produziert. Ein Menschheitstraum ist wahr ­geworden, ein System, das sich durch sich selbst speist.
Stefan Wagner ist Kunsthistoriker und lebt in Zürich. stefan.h.wagner@gmx.ch



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Ausgabe 9  2015
Institutionen BALTSprojects [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
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