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Besprechung
9.2015


Alice Henkes :  Seit 1985 verwandelt sich Môtiers im Val de Travers im Vierjahrestakt in einen weitläufigen Kunstraum unter freiem Himmel. Das Konzept, bekannte und weniger bekannte Kunstschaffende auf Geschichte und Topografie des Ortes reagieren zu lassen, funktioniert noch immer bestens.


Môtier : Art Môtiers - Kunst auf Dorfstrassen, Wiesen und in Felsgrotten


  
links: Markus Weiss · Bains public, Installation am Dorfbrunnen, 2015. Foto: Alain Germond
rechts: Collectif indigène (Andréanne Oberson und Jean-Marie Reynier) · La traversée des chats volants, 2015, Installation. Foto: Alain Germond


Die Grüne Fee tanzt in Form fedriger Wermutpflanzen um den Dorfbrunnen, während die Geranien, die sonst an dieser Stelle zu sehen sind, im Garten des Absinth-Museums gefangengehalten werden. Guido Nussbaum hat sich diese Hommage an den Absinth ausgedacht, der lange ein wichtiges Handelsgut im sonst wirtschaftlich eher schwachen Val de Travers war. Es ist nicht die einzige Arbeit in der Ausstellung ‹Art en plein air›, die sich direkt auf Môtiers bezieht. Viele der von der Eidgenössischen Kunstkommission ausgewählten Kunstschaffenden haben sich von Geschichte und Gestalt des Ortes inspirieren lassen. Cécile Hummel installiert in ­einer Waldgrotte alte sizilianische Fotografien. Mit den schemenhaften Porträts spielt sie auf den Geisterglauben Jean-Jacques Rousseaus an, der einige Zeit in Môtiers gelebt hat. Das Duo RELAX (chiarenza & hauser & co) erinnert an historische Häretiker aus dem Neuenburgischen, indem es diese auf eine Wand gemalt und hinter an einer Art Wäscheleine hängenden Stoffbahnen wieder verborgen hat.
Diese Arbeit ist, wie die ganze Ausstellung, eine Aufforderung, hinzuschauen, neugierig zu sein, auch Seitenwege einzuschlagen. Sommerliche Feld-, Wald- und Wiesenausstellungen gedeihen mittlerweile überall. ‹Art en plein air› in Môtiers ist eine der ältesten dieser Sommer-Schauen, und wenn alle vier Jahre Kunstschaffende ihre Werke in Kuhställen und Garagen, auf Wiesen und Waldwegen erstellen, dann scheint es stets, als habe ein Zauberstab den 800-Seelen-Ort berührt und in ein Fest der Kunst verwandelt. Mit betörender Leichtigkeit blüht hier eine Mischung aus künstlerischem Gehalt und Vergnügen, nach der andernorts oft so verkrampft wie vergeblich gesucht wird. Die vielgestaltige Kulisse befruchtet die Kunst und vice versa. Die verspiegelten Fensterläden, vom Collectif indigène (Andréanne Oberson und Jean-Marie Reynier) an einem der Häuser auf der Grande Rue installiert, illustrieren dieses Wechselspiel wunderbar. Die Kunst grüsst als katzenohriger Hochspannungsmast vom Hügel herab (Christian Gonzenbach) oder kauert als schwermütiger Voodoo-Gott Zâca in einer dunklen Höhle (Jonathan Delachaux und Zoé Cappon). Doch es sind nicht nur die offiziellen und aktuellen Werke, welche die Schau so anregend machen. Überall am Parcours stösst man auf Arbeiten vergangener Ausstellungen und auf kreative Attacken aus der Bevölkerung, die in keinem Faltblatt verzeichnet sind und die eine Art Subtext zur eigentlichen Ausstellung ergeben.

Bis: 20.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Ausstellungen Môtiers 2015 – Art en plein air [20.06.15-20.09.15]
Institutionen Im öffentlichen Raum [Môtiers/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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