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Besprechung
9.2015


Gisela Kuoni :  Zur Strasse eine Art maurisches Schloss und auf der Rückseite ein herrschaftliches Patrizierhaus - zurzeit präsentiert sich der historische Palazzo Castelmur darüber hinaus als komplexes Gesamtkunstwerk. Gezeigt werden auf den Ort zugeschnittene, eigenständige Kunstwerke, vornehmlich Videoarbeiten.


Stampa/Coltura : Video Arte Palazzo Castelmur - Buntes Licht im alten Gemäuer


  
links: Evelina Cajacob · StoffTraum, 2015, Videoinstallation mit zwei HD-Video-Projektionen, 16'9'', Ton, Loop, Gesang: Ursina Giger, Video: Margarit Lehmann. Foto: Ralph Feiner
rechts: Ursula Palla · the book, 2015, Videoinstallation, Projektion, HD, Farbe, Ton, Loop 5'20'', Buch. Foto: Ralph Feiner


Nord- und Südteil des Palazzo beherbergen als Folge ihrer Entstehungsgeschichte neben repräsentativen Prunksälen auch holzgetäferte Bauern­stuben. Dass die geladenen Künstler/innen diese räumliche Herausforderung angenommen haben, macht den einmaligen Reiz der Schau aus. Mit ihren Werken betonen sie die Bedeutung jedes Raums, wecken Neugier, stellen Fragen und schaffen scheinbar absichtslos eine spannende Verbindung von Geschichte und Gegenwart.
So lassen Gabriela Gerber/Lukas Bardill im Stall in einem temporeichen Film den dort im Original stehenden Leiterwagen in halsbrecherischer Fahrt über holprige Hohlwege, enge Gassen und schnelle Strassen rattern - untermalt von Kappeler/Zumthors beschwingter Tonspur. Ist das ‹Automobile›, so der Titel, höfisches Gefährt oder bäuerliches Transportmittel? Zeit und Ort verlieren ihre Bedeutung und sind doch die eigentlichen Protagonisten. Evelina Cajacob hat das eher karge Musikzimmer ausgewählt und in eine Schlafkammer verwandelt. In der Mitte steht ein verwaistes Bett. Das Zerreissen des weissen Bettüberwurfs und das sorgsame Zusammennähen desselben hielt sie in zwei hoch poetischen Videoarbeiten fest. Ihr ‹StoffTraum›, 2015, wirkt wie ein Sinnbild des Zerstörens und geduldigen Wiederzusammenfügens - ausgeführt von Frauenhänden, unterlegt mit Reissgeräuschen oder mit leisem Summen. Auf die zahllosen Maserungen von Holztäfer und Marmor reagieren im Empire-Zimmer frölicher/bietenhader mit ‹Lining›, 2015, einem flimmernden Lichtlinienspiel, während Manfred Aloys Mayer die manieristischen Deckenmalereien im Ballsaal mit ‹Crystall›, einer kostbar wie Muranoglas schillernden Lichtsäule aus farbigen PET-Flaschen, betont. In der Bibliothek hat sich Ursula Palla ein Buch für ‹The Book› ausgesucht. In einer bleichen Videoprojektion erscheint es überdimensioniert auf einem Tisch, wie von Geisterhand werden die Seiten geblättert, vorwärts, rückwärts, Bilder tauchen auf, Wortfetzen, Schriftzeilen, Briefe, Erinnerungen - man schaut gebannt zu und spürt den Bogen, der historisches und heutiges Gedankengut verbindet. Weiter oben lockt ein kleiner offener Türspalt: Im bleichen Vollmondschein tanzen schwerelos Hut, Stock und Schirm des Baron de Castelmur. Mit ‹Au clair de la lune›, 2015, zeigt Zilla Leutenegger ihren feinen Sinn für Humor und Poesie.
So unterschiedlich die erwähnten Werke sind, sie wirken, als gehörten sie von jeher zum Inventar. Und stammen doch aus einer so ganz anderen Zeit und Welt.

Bis: 18.10.2015



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Ausgabe 9  2015
Ausstellungen Video Arte Palazzo Castelmur [07.06.15-18.10.15]
Video Video
Institutionen Video Arte Palazzo Castelmur [Stampa/Coltura/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
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