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Besprechung
9.2015


Philipp Spillmann :  Der englisch-libanesische Künstler Lawrence Abu Hamdan zeigt, wie mithilfe der Stimme Deportationen begründet und ­Urteile vollzogen werden. In der Kunsthalle St. Gallen ist nun seine bisher grösste Einzelschau zu sehen, bei der er sich zeitgenössischer Praktiken des Sprechens und Hörens annimmt.


St. Gallen : Lawrence Abu Hamdan - Ideologie der Tonspur


  
Abu Hamdan · Contra Diction (Speech Against Itself), 2015, Zweikanal-Videoinstallation, Monitor, Telepromter, Kopfhörer, Videoplayer, 19'25”


Vereinfacht gesagt untersucht Lawrence Abu Hamdan (*1985) das Verhältnis von Stimme, Bild und Macht. Weniger vereinfacht gesagt versucht er eine multimediale Kritik zeitgenössischer Stimm-Politiken. Kritik deswegen, weil er eingehend analysiert, wie über die Stimme Politik betrieben wird. Multimedial, weil seine Analysen in verschiedenen Medien stattfinden - in Text, Ton, Raum und Bild.
Hamdans Werke sind zwar komplex, aber nicht unbedingt kompliziert. Wenn es für ihn eine Arbeitshypothese gibt, dann die: Es gibt keine Sprache ohne Sprecher, keine Geschichte und keinen Diskurs ohne Stimme. Die Stimme ist das, was jemanden zum Sprecher macht. Akzent, Betonung, Lautmuster: Die Stimme ist nicht nur ein Medium, sondern auch Material, das sich formen bzw. verformen lässt. Was immer eine Stimme über ihre Botschaft oder ihren Absender verrät, kann genutzt werden, um diese zu verfälschen und sie gegen die sprechende Person zu wenden.
Eindrücklich wird das in der Arbeit ‹Conflicted Phonemes›, 2012, sichtbar. Zu ­sehen sind zunächst neun aufgereihte Stapel mit A4-Blättern, auf denen Stimmanalysen von zwölf somalischen Asylbewerbern grafisch visualisiert sind. Die Tests sollten nachweisen, dass die Sprecher aus dem relativ sicheren Norden des Landes stammen, was den Anspruch auf Asyl deutlich verringert. Neben den Stapeln befindet sich ein Mapping der Sprachentwicklung Somalias von 1972 bis 2011, das zeigt, wie sich die regionalen Akzente über die Jahre vermischt haben und wie fahrlässig so ein Verfahren im Grunde ist. Bezeichnenderweise ist das die einzige Arbeit der Ausstellung, bei der kein einziger Ton zu hören ist. Analog dazu zeigt die ‹Installation Beneath the Surface›, 2015, wie einfach Stimmanalysen gefälscht werden können. Zu sehen sind sieben handgemalte Klangmuster, die bei sogenannten Stimm-Stress-Analysen eine Aussage über den Wahrheitsgehalt des Gesprochenen machen.
Die Stimme ist aber nicht nur Gegenstand von Hamdans Untersuchungen, sondern auch ihr Akteur. Sie wird eingesetzt, um das Bildmaterial eines Films umzudeuten, dient als Botschafterin eines syrisch-englischen Kulturkonflikts oder, wie in ‹Contra Diction (Speech Against itself)›, 2015, als Hauptdarstellerin ihrer eigenen Inszenierung. Das ist vielleicht die letzte Konsequenz seiner Arbeiten: Die Stimme ist nicht nur passives Material, sondern Akteurin, Agentin, Phantom und Pantomime - und genau hier liegt ihr emanzipatorisches Potenzial.

Bis: 13.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Ausstellungen Lawrence Abu Hamdan [11.07.15-13.09.15]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Lawrence Abu Hamdan
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