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Besprechung
9.2015


Yasmin Afschar :  Auch Wien hat nun eine Biennale. Doch anders als die 200 bereits existierenden Turnusschauen dieser Art verfolgt diese - so Christoph Thun-Hohenstein, MAK-Direktor und Initiator der Vien­na Biennale - einen interdisziplinären Ansatz und adressiert anstelle kunstinterner Diskurse Themen des Gemeinwohls.


Wien : Vienna Biennale - Ideen für eine Veränderung


  
links: 2051: Smart Life in the City: Demonstrator: Das Hotel, 2014. Magdas Hotel verbirgt sich hinter der Fassade eines ehemaligen Senioren- und Pflegehauses am Wiener Prater. Foto: Nathan Murrell/MAK
rechts: Monir Shahroudy Farmanfarmaian · Eight, 2008, Spiegelmosaik, Courtesy Rose Issa Projects. Foto: Nick Harvey


Ein Kuratorenteam aus den Bereichen Design, Architektur und Kunst verantwortet die insgesamt acht Ausstellungen der Vienna Biennale, die grösstenteils im MAK, aber auch an anderen Standorten wie beispielsweise der Kunsthalle Wien stattfinden. Das Konzept, subsumiert unter dem Motto ‹Ideas for Change›, sieht die spartenübergreifende Auseinandersetzung mit dem Phänomen einer neuen, digitalen Moderne vor. Das Thema ist brisant und hochaktuell, die einzelnen Projekte verbinden sich bedauerlicherweise aber nur wenig; die unter Berufung auf die Wiener Sezessionisten geforderte Einheit der Künste findet keine befriedigende Umsetzung.
Dem konzeptuellen Rückgrat der Biennale am treusten ist die Ausstellung ‹2051: Smart Life in the City›. Mit dem Orwell'schen Zahlenverdreher als Aufhänger blicken die Kuratoren Harald Gruendl und Thomas Geisler in eine mögliche Zukunft der Stadt Wien und fragen, wie Design zur Gestaltung eines «weltverträglichen Lebensstils» beitragen kann. Über die Stadt verteilt sind sogenannte ‹Demonstratoren› eingerichtet, die prototypische Szenarien für Lebensbereiche wie Mobilität, Arbeit, Gesundheit, Wohnen oder Unterhaltung skizzieren. Aus den mal mehr, mal weniger konzisen Projekten sticht das Magdas Hotel heraus. Anfang Jahr als Social Business eröffnet, wird der Hotelbetrieb vorwiegend von Asylsuchenden sichergestellt und steht damit für eine Auffassung von Gastfreundschaft, die nicht nur den zahlenden Touristen gilt, sondern auch den unfreiwilligen Gästen mit Flüchtlingshintergrund.
Einen Gegenpol zu den mehrheitlich praxisnah und anschaulich gestalteten Ausstellungen der Biennale bildet die von Maria Lind kuratierte Schau ‹Future Lights›. Gleichsam formalistisch mutet der Ausstellungsteil im MAK an, für den Lind unter dem Titel ‹Escaping Transparency› virtuos Arbeiten kombiniert, die alle auf bestimmte Weise mit Licht assoziierbar sind. In Linds Fokus steht indes nicht jenes Licht, das Klarheit und Transparenz schafft und damit im kapitalistischen System als Garant von Glaubwürdigkeit gilt; sie interessiert sich für das Licht, das undurchsichtig ist, Reflexionen schafft, abstrahiert und damit - nach Edouard Glissant - für ein «Recht auf Opazität» einsteht. Sehr schön zum Ausdruck bringen dies die Spiegelobjekte der 91-jährigen iranischen Künstlerin Monir Shahroudy Farmanfarmaian, die je nach Lichteinfall unterschiedliche Reflexionen erzeugen und damit ihre geometrischen Grundformen einer reizvollen Ambivalenz aussetzen.

Bis: 04.10.2015



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Ausgabe 9  2015
Autor/in Yasmin Afschar
Link http://www.viennabiennale.org
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