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Besprechung
9.2015


Daniel Morgenthaler :  Statt eines weiteren ‹Wintermärchens› erzählt das Kunsthaus Zürich aktuell mit rund sechzig Künstlerinnen und Künstlern nichts weniger als die ‹Zukunft der Geschichte› Europas. Gerade­ rechtzeitig, bevor böse, von der momentanen Krise gelockerte Zungen das Friedensprojekt endgültig zerreden.


Zürich : Europa - Die Zukunft der Geschichte


  
links: Martin Kippenberger · Put Your Freedom in the Corner, Save it For a Rainy Day, 1990, Holz, Keramik und Druckfarbe auf Papier, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 2008, Schenkung der Friedrich Christian Flick Collection ©Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
rechts: Uriel Orlow, Stefan Zweig, 2009, aus der Serie: ‹Oddly, one lived the war in one's mind more intensively than at home in a country at war›, Filzstift auf getöntem Aquarellpapier, 50 Teile: 38x28 cm, Eigentum Kunstsammlung der Stadt Zürich


Zürich - Berliner? Nein, Kippenberger. In der Ausstellung ‹Europa - Die Zukunft der Geschichte› steht keine Berliner, sondern eine Kippenberger Mauer. Die allerdings eine Art Berliner Mauer ist - Martin Kippenberger war ja zumindest Teilzeit-Berliner - und die auch der Form der Originalmauer nachempfunden ist. Cathérine Hug, Kuratorin am Kunsthaus, und ihr Mitkurator, der Autor Robert Menasse, haben die Arbeit ‹Put Your Freedom in the Corner, Save it For a Rainy Day› von 1990 als Sperre zwischen zwei Ausstellungswände gestellt, die sie aus der vorhergehenden Schau ‹Inspiration Japan› geerbt haben. Gleich in der Nähe haben sie zwei in den Bührle-Saal gebaute Wände so eng zusammengeschoben, dass man nicht sicher ist, ob man noch durch darf. Schon aus der Architektur dieser Ausstellung lässt sich also einiges herauslesen: Während innerhalb eines einzelnen Staates wie Japan die Mobilität gross ist, bleibt sie im plurinationalen Projekt Europa nicht ohne Hindernisse. Und was erst, wenn man heute von aussen nach Europa hineinwill?
Das Kurator/innen-Duo hat die Ausstellungsarchitektur also nicht nur von der vorherigen Schau übernommen, sondern neu aufgeladen. Das wirkt an einzelnen Stellen wie bei der Kippenberger Mauer fast wie eine kontrollierte Besetzung - die sich allerdings gut noch subversiver zum Kunstwerke-Squat hätte entwickeln können. Jedenfalls wird so die ‹Zukunft der Geschichte› in einer Architektur der unmittelbaren Vergangenheit erzählt.
Ein Nachteil dieses Vorgehens ist, dass die doch zahlreichen Grenzziehungen der Japan-Schau künstlerische Abkommen zwischen den jetzt ausgestellten Werken erschweren. Alberto Giacometti streckt zwar an ziemlich zentraler Stelle der Schau die Hand aus - genauer ‹La main› von 1947. Zu einem High Five mit anderen Werken aber kommt es kaum. Geografisch zu weit entfernt ist etwa ein Film von Stefanos Tsivopoulos, in dem zwei Bauern auf einem Feld eine Statue finden und sie, bei der Hand beginnend, ausgraben. Das Bronzedenkmal, das anschliessend eine eigentliche Odyssee durchstehen muss, stellt Harry S. Truman dar, dessen Massnahmen beitrugen, den Kalten Krieg auszulösen - und dessen Statue deswegen in Griechenland wirklich bisweilen regelrecht entführt wird.
Ebenfalls zu abgegrenzt von Giacomettis Hand ist eine andere Hand-Arbeit, das Video ‹Freedom Requires Free People›, 2012, der Norwegerin Ane Hjort Guttu. Die Arbeit porträitiert den achtjährigen Jens, der es sich zum Sport macht, Strukturen zu hinterfragen. Besonders schön zeigt sich das, als die Lehrerin meint, der König - es muss natürlich ein König sein - befehle, dass alle Schüler/innen mit ihrem Arm den Zeiger einer Uhr auf zwanzig nach stellen. Jens zeigt als Einziger in Richtung zwanzig vor und widersetzt sich so der gestischen Monarchie. Während Giacomettis Hand noch immer - etwas stur jetzt vielleicht sogar - Viertel nach anzeigt.
Lassen sich Inhalte, wie sie sich Ausstellungen mit diesem zeitgeschichtlichen Anspruch vornehmen, ohnehin je länger, je mehr am eindrücklichsten filmisch wiedergeben? An der von Okwui Enwezor kuratierten Hauptausstellung der aktuellen Biennale in Venedig lässt sich etwa das zentrale Thema der menschlichen Arbeit am intensivsten in Videos erleben, zum Beispiel in den Arbeiten von Harun Farocki oder Joachim Schönfeldt: In Anlehnung an Susan Sontags Text ‹Regarding the Pain of Others› liesse sich ein Motto der Biennale 2015 als ‹Regarding the Labour of Others› zusammenfassen. Bei ‹...the Others Have Arrived Safely› in der Zürcher Shedhalle wiederum - einer Ausstellung, die sich wie ‹Europa› mit Gedächtnisverlust und Geschichtspolitik beschäftigt - könnte Sontags Titel so ergänzt werden: «Das Leiden anderer betrachten - ohne die Augen zu verschliessen». Charles Heller und Lorenzo Pezzani haben Satellitendaten ausgewertet und zu einer filmischen Anklage gegen die Behörden im Mittelmeerraum zusammengeschnitten, die 2011 ein Flüchtlingsboot ohne Brennstoff einfach hilflos treiben liessen.
Die Europa-Schau im Kunsthaus ist in den besten Momenten: «Regarding the Pain of Ourselves». Dann nämlich, wenn das vermeintlich Andere zur eigenen Verantwortung wird. Wenn zum Beispiel der Schweizer Künstler Uriel Orlow veranlasst, dass permanent aktuelle Zeitungen unter seine Porträts berühmter Gäste des Café Odeon gelegt werden. Zeitgeschichte lässt sich zwar stapeln, aber nicht weghistorisieren. Oder wenn die Schweizerin Nives Widauer der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstandenen Autobiografie des Schriftstellers Stefan Zweig Zitate entnimmt, die sie mit Tapenmustern aus der Zwischenkriegszeit kombiniert. Unsere Retro-Mania könnte sehr gut sowohl diese miefigen Muster als auch die bedrohlichen Aussagen Zweigs - die uns durch die Ichform quasi in den Mund gelegt werden - reaktivieren: «Es gab kein Mass, keinen Wert innerhalb dieses Zerfliessens und Verdampfens des Geldes...», heisst es da etwa. Die unbequeme Ausstellungsarchitektur ist wohl erst der Anfang.


Bis: 06.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Ausstellungen Europa. Die Zukunft der Geschichte [12.06.15-06.09.15]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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