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Besprechung
9.2015


Alice Henkes :  In der ehemaligen Abteikirche von Bellelay errichtet das Bieler Künstlerduo Haus am Gern eine Installation, die sowohl der Auslöschung wie auch der Vervielfachung des imposanten Kirchenraums dient. Ihre ‹Aire de Bellelay› erweist sich als eine ­facettenreiche Reflexionsmaschine.


Belleley : Haus am Gern - Aire de Bellelay


  
Haus am Gern · Aire de Bellelay, 2015 Installaltion, verschiedene Materialien


Beim Betreten des Raums erscheint die Installation des Künstlerduos Haus am Gern als grosser, schwarzer Block. Auf Fotografien wirkt es so, als sei ein Teil des Bildes ausgeschnitten. In der ehemaligen Abteikirche mit ihren delikaten, weissen Barockverzierungen erinnert das Gebilde an die Kaaba, jenes geheimnisvolle Gebäude, das im Zentrum des muslimischen Pilgerorts Mekka steht und als Ursprungsort des Seienden gilt. Liest man den dunklen Block als Kaaba, ergibt sich eine Verknüpfung zwischen den beiden monotheistischen Religionen Christentum und Islam. Beide kennen ein Abbildungsverbot. Während die islamische Welt ins Ornamentale ausweicht, hat die christliche Welt sich stets nonchalant über das zweite Gebot hinweggesetzt. Der schwarze Block im weissen Kirchenraum, der wirkt, als sei ein Teil der floralen Stuckaturen einfach ausradiert, erscheint da wie ein mehrdeutiger Kommentar oder gar wie eine Korrektur des christlichen Gestaltungswillens.
Doch das ist nur eine Seite des Werks. Vom Chor aus gesehen bietet sich ein ganz anderes Bild: Der schwarze Block erweist sich als eine Art Paravent, auf seiner Rückseite, in einem Winkel von 72 Grad zueinander angeordnet, sind grosse Spiegelflächen befestigt. Diese reflektieren somit nicht nur, was sich vor ihnen befindet, sondern werfen sich die Spiegelbilder gegenseitig zu. War vom Eingang her das dunkle Nichts tiefschwarzer Wände zu sehen, so zeigt sich vom Altar aus eine kaleidoskopische Bilderwelt, in der alles vervielfacht scheint. Im Vertrauten öffnen sich ungeahnte Räume, seltsam an- und abgeschnitten, schwebend, irreal.
Mit ‹Aire de Bellelay› (Aire bezeichnet in der Geometrie den Flächeninhalt) präsentieren Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner eine Installation, die virtuelle Räume erzeugt und als eine Art Reflexionsmaschine über Wahrnehmung und Wirklichkeit funktioniert. Dazu gehört auch ein Fotoessay in der zughörigen Publikation. Zudem knüpfen sie an eine Langzeitserie an, für die sie Kulturschaffende in einem Spiegel-Szenario fotografieren, das den Porträtierten als Fünfergrüppchen zeigt. Im angeregten Gespräch mit sich selbst oder in stiller Kontemplation über das Wunder der Selbstvervielfachung, ganz nach Temperament des Porträtierten. Eine entsprechende Spiegelkulisse hat das Duo auch im Rahmen von ‹art en plein air› in Môtiers aufgestellt.

Bis: 13.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Ausstellungen Haus am Gern [28.06.15-13.09.15]
Institutionen Fondation de l'Abbatiale [Bellelay/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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