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9.2015




Digitale Kunst / Projekt des Monats - Rauschen gegen die Überwachung


von: Raffael Dörig

  
Benjamin Grosser· ScareMail, 2015


Eine Möglichkeit, auf die umfassenden Überwachungssysteme zu reagieren, die unser digitales Leben durchdringen, ist das Generieren von Rauschen, das den Informationsfluss stört. Das System mit Desinformation zu verstopfen, kann die eigenen Spuren verwischen oder das System selbst verlangsamen. Nicht erst seit dem NSA-Skandal entwickeln Künstlerinnen und Künstler solche Rauschgeneratoren. Ein Pionierwerk stammt aus der Schweiz, der ‹Tracenoizer› der Gruppe LAN (u.a. mit Marc Lee und Annina Rüst) aus dem Jahr 2001. Das vielfach ausgezeichnete Projekt generierte nach Eingabe von Vor- und Nachnamen persönliche Webseiten, die in den Suchmaschinen auftauchten, wenn nach Informationen über einen gesucht wurde. Eine Dekade später wird unser Verhalten im Netz permanent ausgewertet. Big Data hat uns zu gläsernen Menschen gemacht. Die Systeme, die uns zu kommerziellen Zwecken ausspionieren, sind mit denen von Geheimdiensten kompatibel und sie sind durchlässig, wie wir spätestens seit Edward Snowdens Enthüllungen wissen. Zudem sind die meistgenutzten, oft kostenlos angebotenen Services in den Händen einiger weniger Konzerne. Google etwa kann unser Such-Verhalten ebenso auswerten wie unser Interesse für bestimmte Werbungen oder den Inhalt unseres Gmail-Verkehrs. Mit der Browser-Erweiterung ‹TrackMeNot› von Helen Nissenbaum und Daniel C. Howe werden zusätzlich zu unseren normalen Suchbegriffen viele weitere eingegeben, das Profil wird unscharf. Ähnliches versucht Benjamin Grosser mit seinem ‹Personal Depersonalization System›. Von Grosser stammt auch die Browser-Erweiterung ‹ScareMail›, die jeder Gmail-Nachricht einen automatisch generierten Text anhängt, der voller Begriffe steckt, die in den Augen der Geheimdienste verdächtig sind. Als Basis für diese Verwirrungstexte verwendet der Künstler passenderweise Sätze aus Ray Bradburys Dystopie ‹Fahrenheit 451›, bei denen er einzelne Verben und Nomen austauscht. Als letztes Beispiel sei ‹Adnauseam›, eine weitere Browser-Erweiterung von Nissenbaum und Howe, genannt. Während wir als User Werbungen mittels Adblocker unsichtbar machen, klickt ‹Adnauseam› sämtliche Werbungen an und generiert damit ein unauswertbares Profil.



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Ausgabe 9  2015
Autor/in Raffael Dörig
Link http://bengrosser.com/projects/scaremail/
Link http://www.1go1.net/index.php/Main/Tracenoizer
Link http://bengrosser.com/projects/personal-depersonalization-system
Link https://cs.nyu.edu/trackmenot
Link http://adnauseam.io
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