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9.2015




Genève : David Claerbout


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: David Claerbout · The Algier's Sections of a Happy Moment, 2009, Videoprojektion, sw, ­Stereo, 37' in Endlosschlaufe, Courtesy Mamco ©ProLitteris. Foto: Ilmari Kakkinen
rechts: David Claerbout · Long Goodbye, 2007, Video­projektion, f, stumm, 36', Endlosschlaufe, Courtesy Mamco ©ProLitteris. Foto: Ilmari Kakkinen


Das Mamco zeigt zurzeit die grossartige Retrospektive ‹Performed Pictures› von David Claerbout (*1969, Kotrijk). Kunsthistorisch unterfüttert wird die Schau durch einen wunderbaren Begleittext des Kurators Thierry Davila zur Auslotung des Schattens von der Antike bis heute. Als Maler ausgebildet, arbeitet Claerbout bereits seit gut zwei Jahrzehnten im faszinierenden Grenzbereich zwischen Malerei - die Königsdisziplin der schönen Künste, die gemäss einem Mythos über das Festhalten eines menschlichen Schattenrisses erfunden wurde - und den neuen Medien. Und dies, nicht ohne dabei die fundamentale Entwicklung in den letzten Jahrzehnten vom analogen zum digitalen Bild und die damit stark vereinfachte Appropriation fremden Bildmaterials miteinzubeziehen. Um den 24 intelligenten Installationen von Claerbout nun den nötigen Raum zu geben, ist die ganze zweite Etage des Mamco freigeräumt und umgemodelt worden. Eine Auslese von Zeichnungen, Collagen und Fotografien in den Gängen bietet überdies Einblick in den aufwändigen Schaffensprozess.
Obschon Claerbout in seinen Werken manchmal nur kurze reale Momente untersucht, fordern die Projektionen oft viel Zeit, sodass wir sie kaum von A bis Z sehen können und wollen. Das atemberaubende Einkanalvideo ‹The Algier's Sections of a Happy Moment›, 2009, zeigt beispielsweise wie Kinder auf dem Dach einer Kasba ihr Fussballspiel unterbrechen, als eines davon einen Taubenschwarm anlockt. Zwar hält der Film nur einen sekundenkurzen Moment fest, doch aus unzähligen Blickwinkeln rund 50'000-mal fotografiert, dauert der montierte Loop ganze 37 Minuten.
Die Bilder Claerbouts, die wir aus den insgesamt 14-stündigen Loops aufzunehmen vermögen, prägen sich ungewöhnlich stark in das Gedächtnis ein. Der entscheidende Grund dafür ist wohl, dass uns die langsame, gerade noch fliessende oder aus überblendeten Stills entstandene Bewegung ermöglicht, relativ bewusst an bereits in uns gespeicherte Bildformeln anzuknüpfen. So etwa bei ‹Long Goodbye›, 2007, mit einer schattenhaften Protagonistin voller Grazie an Frauenfiguren von den griechischen Göttinnen über die mittelalterlichen Madonnen bis zu Marilyn Monroe. Wir haben genügend Zeit, die neuen Visionen dazwischen als solche zu erkennen, abzutasten und aufzunehmen. Als ich Claerbout auf das beschwingte Gefühl einer Erweiterung meines visuellen Schatzes vor seinen Installationen anspreche, antwortet er: «Ja, die Erfindung der Fotografie hat uns eine grosse Freiheit gegeben». In der trotz Bewegung und manchmal auch Ton grossen Ruhe und Stille seiner Bilder ist diese jedoch vielleicht erst richtig zu entdecken.

Bis: 13.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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