Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
9.2015




Paris/Mouans-Sartoux : Gottfried Honegger


von: J. Emil Sennewald

  
links: Léon Wuidar · 25 carrés rouges ou bleus, 1981, Öl auf Leinwand, 122x122 cm ©ProLitteris, Collection BNB. Foto: Patrick Van Den Branden
rechts: Gottfried Honegger · Hommage à Ken Saro-­Wiwa, 1996, Serie von 4 Serigrafien, 170x91 cm, je 4/12, FNAC, Dépôt du Centre national des arts plastiques, Espace de l'Art Concret, Donation Albers-Honegger


«Die meisten Künstler, die mit den Mitteln der Mathematik gestalten, sind im Netz des mechanischen Determinismus verfangen», schrieb Gottfried Honegger 1975 auf eine Vorzeichnung für ein Reliefgemälde. Das ausgeführte Bild, dessen tiefrote Oberfläche ledrig, fast narbig wirkt, steht in der Retrospektive des 98-Jährigen für unverfangene konkrete Kunst. Honegger hält seit rund sechzig Jahren eine Spannung zwischen mechanischer Präzision und organischer Ungenauigkeit durch. Schon am Anfang, in dem kleinen Gemälde ‹Tête› von 1939, dessen Picasso-Stil den ersten Museumsbesuch des im Engadin aufgewachsenen Zürchers spiegelt. Auch später, wenn er 1973 für sein ‹Tableau-relief P684› mit Grafit auf Karton zeichnet. Ein Monochrom, die Striche und Züge des Künstlers noch sichtbar, Spuren des handelnden Körpers. Auch die jüngsten Skulpturen, ‹Pliages› von 2003-2004, verschieden aufgeschnittene, weiss gestrichene Aluminiumröhren, ruhiger, gesetzter, stehen für die im Körper wurzelnde Vielfalt der Erkenntnis. Den Blick dafür zu schulen, ist ein grosses Anliegen Honeggers.
Seit 1997 bringt das Kinderatelier ‹Kunst, Forschung, Imagination› jährlich 8000 Schüler in den von Honegger 1990 eröffneten Espace de l'art concret im südfranzösischen Mouans-Sartoux. Grundstock bildet eine Schenkung von etwa 550 Werken, von ihm regelmässig erweitert. Direktorin Fabienne Fulchéri plant einen Erweiterungsbau für 2018, in dem auch grosse Teile des Yves Klein-Archivs Platz finden sollen. Aktuell bietet sie mit ‹Belgischer geometrischer Abstraktion› eine Fundgrube, welche die Reise lohnt. In der chronologischen Hängung werden Raum/Form und Zeichen/Code als konstruktivistische Hauptthemen erkennbar. Und es ist viel zu entdecken: Marthe Donas' hinreissende Kompositionen von 1917/18. Oder Francis Dusépulchres Modell für den ‹Turm für Europa›, 1985 als Bau für das Finanzministerium in Brüssel entworfen. Leider wurde er nie verwirklicht. Bis zu aktuellen Positionen wie Ann Veronica Janssens oder Pieter Vermeersch wirkt die Spannung der konkreten Kunst zwischen objektiver Präzision und subjektiver Einbildungskraft. Honegger nutzte 1970 als einer der ersten Maler den Computer für einige pixelige Zeichnungen. Die Freihandzeichnungen von Léon Wuidar, ‹Programme 12/1977›, unglaublich genau gezogene Bögen und Geraden, sind jenen überlegen. Hier liegt die Stärke konkreter Kunst: Gerade weil sie den Körper einbezieht, führt sie zu gelebter ästhetischer Erfahrung. Sonst bliebe sie im Netz der Maschinen gefangen.

Bis: 25.10.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2015
Autor/in J. Emil Sennewald
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=150818120953V8N-26
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.