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9.2015




Wien : Der grosse Krieg


von: Sibylle Omlin

  
Anton Kuznetsov · Lost Names, 2015. Foto: Walter Seidl


Der Erste Weltkrieg liegt nun mehrere Generationen zurück, die direkten Erinnerungen sind nur mehr von über Hundertjährigen möglich. Dennoch sind mannigfache Verbindungen bis heute wirksam, vor allem in Ostmitteleuropa. Für Österreich war der Erste Weltkrieg der Untergang der Habsburgermonarchie, aber auch andere Länder in Mitteleuropa waren durch die politische Neuordnung nach dem Krieg betroffen. Die Wanderausstellung ‹Anmerkungen zum Beginn des kurzen 20. Jh.›, kuratiert von Andrea Domesle und Frank Eckhardt begleitet die Jahre 2014-2018 und zieht sich über die Stationen Dresden, Wien, Strassburg, Usti nad Labem und Kaliningrad. Die Werke der aus diesen Ländern beteiligten Kunstschaffenden interpretieren den 1. Weltkrieg und seine Auswirkungen aus ihrer auch nationalen Sicht und machen Erinnerungen an diese kontinentale Katastrophe nachvollziehbar. Re-enactment, Rekonstruktion, Oral History und Audio-Quellen spielen eine wichtige Rolle. Im Zentrum der Schau in Wien stehen das Attentat auf die habsburgischen Thronfolger in Sarajevo und die Kriegsführung der kaiserlich-königlichen Armeen im Gebiet des damaligen österreichischen Empires.
Der französische Künstler Thibaud Guichard ging für seine Rauminstallation wie ein Detektiv vor und rekonstruierte anhand von Dokumenten, in Wien gefundenem Archivmaterial, Photokopien, Bildern, überlieferten Legenden, Spekulationen und Verschwörungstheorien das Attentat auf Franz Ferdinand und seine Frau Sophie. Das Material präsentiert der Künstler als riesiges Mind Map, dessen Fäden entlang sich die Besuchenden bewegen.
Technische Medien kommen für die Rekonstruktion von Geschichte, aber auch zu ihrer Abstraktion zum Einsatz. Francois Martigs Audioinstallation ‹Browning M1910› zerdehnt die Tonspur eines Schusses aus der damaligen Tatwaffe auf 30 Minuten und reichert sie mit elektroakustischen Elementen und Informationen zur Charakteristika der Waffe an. Der Schweizer Künstler Martin Chramosta stiess in Sarajevo auf zwei Überwachungskameras, welche die Strassenkreuzung, an der sich das Attentat von Gavrilo Princip vor über 100 Jahren ereignete, heute überwachen. Nun hat er die Kamerasituation in der Ausstellung wieder aufgebaut: die Footage-Filme zeigen den Stras­senabschnitt in Sarajevo heute.
Die Narration von Geschichte läuft in dieser Ausstellung jedoch nicht nur über digitale Medien, sondern auch über persönliche Erinnerungen, so in der Arbeit ‹Grauton› von Karen Geyer, die in Interviews mit uralten Menschen aus Wien und mit Originalmaterial aus der Zeit von 1914-18 aus der Österreichischen Mediathek letzten Spuren von Zeitzeugen nachgeht.
Nin Brudermann fand auf dem Dachboden ihres Wiener Familienhauses die Korrespondenz ihres Urgrossonkels und Urgrossvaters, beides Kavalleriegeneräle, die eigene Regimenter in der Schlacht um Galizien von 1914 führten. Dieser Fund wurde Anlass zu einer Installation mit Marschmusik und Sprechgesang.
Die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg hat in dieser Ausstellung auch eine Vertiefung in Kultur- und Technikgeschichte der damaligen Zeit ausgelöst, in Gedichte von Georg Trakl, aber auch in damalige Erfindungen in Chemie und Chirurgie, die Verheerungen auslösten, aber auch wieder zu beheben versuchten.

Bis: 29.11.2015



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Ausgabe 9  2015
Autor/in Sibylle Omlin
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