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9.2015




Winterthur : Gianin Conrad


von: Lucia Angela Cavegn

  
links: Gianin Conrad · Usum, 2015, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur. Foto: Michael Lio
rechts: Gianin Conrad · Usum, 2015, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur. Foto: Michael Lio


Der Bündner Bildhauer Gianin Conrad (*1979) schafft situationsspezifische Werke, die oft zwischen Drei- und Zweidimensionalität interchangieren und dazu einladen, über künstlerische Herstellungs- und Ausstellungsbedingungen nachzudenken. Mit seiner aktuellen Schau in der Kunsthalle Winterthur liefert er einen überzeugenden Auftritt.
Im Oberlichtsaal treffen wir auf eine Ansammlung von zusammengezimmerten Konstruktionen aus Dachlatten und Ästen. Ausser den beiden figural anmutenden Holzgerippen ‹Liegende› und ‹Liegestütze› verstellen ein ‹Umschwung› und drei ‹Vitrinen› den Raum, während die Wandflächen - bis auf zwei Ast-Reliefs - nackt belassen sind. Die in Bricolage-Technik angefertigten Objekte negieren jegliche handwerkliche Perfektion. Was der Künstler hier zum Ausdruck bringt, ist eine wortwörtliche Interpretation der Begriffe «Ausstellen» und «Auslegen». Die um die Ecke gedachten Exponate visualisieren Zurschaustellung in Form von Schau- und Wandkästen. Darüber hinaus vergegenwärtigen die Gestänge den in sie eingeschriebenen Raum.
Im Seitenlichtsaal inszeniert der Künstler die Werkproduktion an sich. In einer eingebauten Nische ist die Werkstattwand ‹Usum›, 2006, mit Umrisszeichnungen als Platzhalter für die fehlenden Werkzeuge untergebracht. Die real vorhandenen Utensilien, die Arbeitsfläche mit Tischlampe und der ausgebaute Autosessel wirken wie aus dem Leben gegriffen. Mit dem Verweis auf seine Nützlichkeit rüttelt ‹Usum› am vorherrschenden Paradigma der Funktionslosigkeit von Kunst.
Im dritten, mit Perserteppich und Plastikvorhang ausstaffierten Kompartiment befindet sich ein riesiger ‹Urklumpen› aus Ton, der behelfsmässig mit feuchten Tüchern vor dem Austrocknen bewahrt wird. Entlang der Wand warten die augenzwinkernd als ‹Schöpfung› und als ‹Am Anfang schuf Gott› bezeichneten Arbeiten auf ihre Vollendung - oder doch nicht? Bei näherem Hinschauen entpuppen sich die Kleinplastiken als bemalte Terrakotta-Imitate. Conrad nutzt Kippmomente, um die Wahrnehmung des Publikums herauszufordern und es über Sein und Schein in der Kunst nachdenken zu lassen. Mit Fingerabdrücken im modellierten Ton, Werkzeug-Applikationen und der Verwendung von Material aus dem Baummarkt schlägt er eine gekonnte Volte und stellt dabei einen sinnlich-handwerklichen Bezug zwischen Kunst und Realität her.

Bis: 06.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Autor/in Lucia Angela Cavegn
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