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Besprechung
9.2015


Yvonne Ziegler :  Der irische Künstler Gerard Byrne schafft Orte immersiver Reflexion. Seine exzellente auf das Publikum ausgerichtete Ausstellungschoreographie im Kunstmuseum St. Gallen vernetzt Gegenwart und Vergangenheit, Hier und Dort sowie Realität und Fiktion in vielschichtigen aufeinander bezogenen Videoinstallationen.


St. Gallen : Gerard Byrne - Orte immersiver Reflexion


  
links: 1984 and beyond, 2005-2007, Videostill, Drei-Kanal-Video-Installation, Wandtext, Silbergelatineabzug, 60', Courtesy Lisson Gallery
rechts: Why it's time for Imperial, again, 1998-2002, Videostill, Ein-Kanal-Video-Installation. 23'


Gerard Byrnes (*1969) Interesse gilt den medialen Konstruktionen von historisch bedeutsamen Momenten, dem Glauben an den Wahrheitsgehalt der Fotografie und den gesellschaftlichen Debatten über Moderne und Zukunft. Am Anfang seiner Ausstellung hängt eine Schwarz-Weiss-Fotografie eines Zeitungsstandes. Dem unendlichen Vervielfältigungspotential des Mediums widersprechend existiert nur ein Abzug. Dieser offenbart verflossene Tagesaktualitäten, die vielfach vorliegen, da sie von verschiedenen Zeitungen getitelt wurden. So liefert der Abzug einen merkwürdigen Querschnitt eines Tages im August 2013 in Mexiko, wo journalistische Interpretationen des lokalen und Weltgeschehens unkommentiert neben Roman- und Sexheftchen liegen. Derartig sensibilisiert begegnet man der Aufnahme eines von Schauspielern gespielten fiktiven Interviews, das 1980 als Werbeanzeige für das neuste Chrysler-Luxusmodell in der Zeitschrift ‹National Geografic› abgedruckt wurde. Byrne erweckt das nie stattgefundene machohafte Gespräch zwischen Frank Sinatra und Lee Iacocca, dem damaligen CEO von Chrysler, zum Leben und verlagert es in eine den Inhalt kontrastierende heruntergekommene Industriearchitektur.
Byrnes Videoarbeiten zeigen zumeist durch Brillanz von Sprache, Schauspiel und Inszenierung in den Bann ziehenden Gespräche, die von leisen Brüchen durchsetzt sind, um zum Nachdenken über die Konstruktion der Narration anzustiften. Als Textquellen dienen ihm Debatten aus dem ‹Playboy›, wo sich beispielsweise 1963 Science Fiction Autoren zu George Orwells dystopischen Roman ‹1984› äusserten, ein 1977 im ‹Nouvel Observateur› abgedrucktes Interview mit Jean-Paul Sartre über Frauen oder verschiedene Texte zur Kunst wie etwa Michael Frieds berühmter Verriss der Minimal Art (1967). Irritationen und Brüche findet man auch auf der installativen Ebene: Auf übereinander gestapelten Monitoren sind jeweils nur Teilausschnitte eines Videos zu sehen. Beginnt ein Video in einem Raum, so verlöschen die Screens im anderen. Anderswo werden unterschiedliche Perspektiven auf eine Gesprächssituation auf unterschiedlichen Monitoren gezeigt. Byrne gelingt es, durch Rückgriff auf ehemals wichtige Debatten die Sicht einer zukünftigen Zeit auf uns zu richten. So naiv manche Aussage uns im Nachhinein erscheinen mag, so absurd mancher Traum sich ausnimmt, auch wir sind in den Vorstellungen unserer Gegenwart gefangen. Auf überzeugende Weise paart der Künstler ästhetische Qualität mit gedanklicher Vielschichtigkeit und bereitet dabei nicht zuletzt Vergnügen.


Bis: 13.09.2015



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Ausgabe 9  2015
Ausstellungen Gerard Byrne [06.06.15-13.09.15]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Gerard Byrne
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