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Editorial
10.2015




Editorial - Verschwistern, was nicht zusammengehört


  
Pia Fries · farou, 2015, Öl und Siebdruck auf Holz, 145x100x4,7 cm ©ProLitteris; Mai 36 Galerie


Es sind immer dieselben Fragen, die uns antreiben: Was bringt uns vorwärts? Was lässt uns abstürzen? Die widerstreitenden Ener­gien, die wir heute mit Psychoanalysen in den Griff zu bekommen versuchen, sind auch künstlerisches Potenzial. Die alten Griechen packten Wesenszüge wie Gier, Stolz, Ehrgeiz, Mut und Demut in Erzählungen, liessen Menschen mit aus Federn und Bienenwachs gefertigten Flügeln zur Sonne fliegen - und wieder abstürzen.
Auch heute benötigen wir geistige Räume, in denen wir Ambi­tionen und Ängste ausloten können, ohne ins Bodenlose zu stürzen. Dafür liefert uns Pia Fries kraftvolle Bilder. Vor neutralen Hintergründen - weiss grundierten Holzplatten - baut sie spannungs­volle Versuchsanordnungen auf. So lässt sie in ‹farou› eine keilförmige Fläche nach oben schiessen und hingefegte Farbschlieren kreisen. Und, gefangen in diesem Wirbel, wuchtet sich uns ein muskulöses Männerbein entgegen. Fries greift hier auf eine Serie von Kupferstichen von Hendrick Goltzius zurück und kommentiert: «Mich interessieren Himmelsstürmer, die keinen sicheren Boden unter den Füssen haben. Wir wissen nicht, sind es Stürzende, Tanzende, Schwebende?» Bei Goltzius verkörperten die Figuren Tugen­den und Laster. Fries übersetzt das Geschehen ins Malerische und lässt unterschiedliche Bildsysteme aufeinanderprallen.
Kunstgeschichte wurde früher als Wellenbewegung zwischen zwei Stilrichtungen gelesen: Mal schwang das «Lineare» mit durch Umrisslinien und Schraffuren definierten Bildflächen obenauf, mal das «Malerische», mit illusionistischen, bewegten, dreidimensionalen Bildräumen. Fries arbeitet mit beiden Techniken: Wir sehen ein durch Schraffuren knollig moduliertes Bein zwischen einem plastisch körperhaften Farbgeschehen. «Was nicht zusammengehört, kommt hier zusammen, muss sich umarmen oder verschwistern.» Das fordert Mut - der trägt.



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Ausgabe 10  2015
Autor/in Claudia Jolles
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