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Fokus
10.2015


 An der Biennale Venedig 2015 haben sie ihren Pavillon in eine Meditationskammer zur Überwindung von Raum und Zeit verwandelt. Moon Kyungwon und Jeon Joonho sind Meister der Spekulation. Das Migros Museum zeigt ihr Projekt ‹News from Nowhere›, für das die beiden zusammen mit einigen Zürcher Think Tanks neue Arbeiten entwickelt haben.


Moon Kyungwon & Jeon Joonho - Die Zukunft als Interface


von: Philipp Spillmann

  
links: El Fin del Mundo, 2012, 2 channel HD film, 13'35'', alle Werke: Courtesy Gallery Hyundai, Seoul
rechts: Urban-Think Tank in Kooperation mit Moon Kyungwon & Jeon Joonho, Mobile Agora (La continuación del mundo und Mothership), 2015, Single-channel video auf Monitor (Farbe, Ton), Courtesy Urban-Think Tank (ETH Zürich) und Migros Museum für Gegenwartskunst


Was sind ‹News from Nowhere› - also Nachrichten von einem Ort, den es gar nicht gibt? Betritt man zurzeit das Obergeschoss des Migros Museums, sind diese Nachrichten in erster Linie einige Dokumente aus einer fiktiven Zukunft, die das koreanische Künstlerduo Moon Kyungwon und Jeon Joonho entworfen hat, um von ihr aus - quasi rückwärts - die Gegenwart zu überdenken. Dafür arbeiten sie mit Designern und Forschern zusammen, machen Filme, die von dieser Zukunft handeln, und entwickeln Projekte, mit denen man das Leben in dieser Zukunft verbessern könnte. Etwa eine Wasserflasche, welche die Fähigkeit hat, verseuchtes Wasser zu reinigen, oder vertikale Dörfer, die sich in schwebenden Kugeln befinden und zu mobilen Städten verbunden werden können.
Der Titel des langjährigen Kollaborationsprojekts, das seine Premiere schon 2012 an der Documenta 13 gefeiert hat, geht zurück auf eine Science-Fiction-Novelle von William Morris aus dem Jahr 1890. Morris, seines Zeichens Künstler, Autor und sozialistischer Aktivist, erzählt in seinem Buch von einer utopischen Gesellschaft, in der die Menschen so frei über ihre Produktionsmittel verfügen, dass sie ihr kreatives Potenzial vollends ausleben können. Moon und Jeon entschieden sich bei ihrer Arbeit für exakt das Gegenteil. Statt einer schöneren Welt entwarfen sie ein dystopisches Szenario, in der die Umwelt kollabiert und die Menschheit beinahe vollends ausgestorben ist. Das Wort Dystopie lehnen die beiden aber eher ab - es ist ihnen zu wertend. Die Rede ist stattdessen von einer post-apokalyptischen Welt. Entscheidend ist, dass das Szenario realistisch ist, aber doch so verschieden von unserer Gegenwart, dass ein zweiter Standpunkt entsteht, von dem aus sie diese Gegenwart mit neuen Augen betrachten können. Damit wird die Zukunft weniger zum Display, auf das aktuelle Probleme projiziert werden, sondern mehr zu einem virtuellen Archiv, das einiges über unsere Zeit berichten kann.

Die Zukunft als Archiv
Ähnliches versucht derzeit eine Gruppe von Philosophen unter dem Titel ­‹#Akzelerationismus›. Mithilfe der Zukunftsvisionen von Science-Fiction-Filmen wie ‹Matrix› oder ‹Terminator› wollen diese den Kapitalismus reformieren. Bei Moon und Jeon geht es allerdings weniger um gesamtgesellschaftliche Fragen, sondern um die Abhängigkeit des Kunstbegriffs und der künstlerischen Praxis von gesellschaftlichen Lebensformen. Ist die Kunst mitsamt unserer Gesellschaft ausgestorben, müssen die verbliebenen Menschen erst wieder lernen, was es heissen könnte, frei zu sein.
Der Kern des Projekts ist der an der Documenta 13 erstmals gezeigte Film ‹El Fin del Mundo›, eine 13-minütige 2-Kanal-Videoprojektion, die mit ihrer Fortsetzung ‹Avyakta› den räumlichen und narrativen Rahmen der Ausstellung im Migros Museum bildet. Räumlich, weil die beiden Filme an den entgegengesetzten Enden der langen Halle laufen. Narrativ, weil sie diejenigen Arbeiten der Ausstellung sind, welche die post-apokalyptische Geschichte erzählen.
Zwischen diesen beiden Eckpunkten findet sich eine Reihe von Artefakten, die aus den diversen Kollaborationen des Künstlerduos hervorgegangen sind. Etwa die vertikalen Dörfer, die Reinigungsflaschen oder futuristische Kleidung. Ein Teil der Objekte ist in Virtrinen ausgestellt, einige in den Raum gehängt, manche werden per Bildschirm vorgestellt. Sie können doppelt gelesen werden: einerseits als Requisiten der Filme, andererseits als fiktive Technologien für eine bedrohlich über uns hängenden Zukunft. So nimmt die Ausstellung die Rolle eines fiktiven Museums ein, das Dokumente dieser verlorenen Zeit ausstellt oder rekonstruiert. Gleichzeitig ist die Ausstellung ein - relativ simpel geordneter - Raum der Projektdokumentation. Vor allem aber ist sie ein Ort des Visionierens: von Ideen, Entwürfen und Projekten. Das bestätigt vor allem die Arbeit ‹Mobile Agora›, welche die Künstler zusammen mit dem ‹Urban-Think Tank› der ETH Zürich entwickelt haben.

Das Ende der Welt
Die Agora war in der Antike der Versammlungsplatz, auf dem sich die Öffentlichkeit gebildet hat. Die mobile Agora setzt mit der Überlegung ein, dass es in den Städten von heute keinen vergleichbaren Ort des gemeinsamen Sprechens, Handelns und Denkens mehr gibt, nicht zuletzt wegen des Internets. Diese Agora kompensiert quasi die Defizite des städtischen Platzes; sie ist beweglich und multimedial an das Internet angebunden. Im Migros Museum stehen die kleinen Tribünen verteilt im Raum. Einerseits dienen sie als Sitzplätze, andererseits verwandeln sie den Ausstellungsraum in ein Gefäss für Interaktion - allerdings rein symbolisch. Das kann als Schwäche gelesen werden (es sieht nur so aus wie ein Begegnungsort, tatsächlich erschwert die Bauweise in Stufen aber die Möglichkeit zum umfassenden Dialog), oder als Kritik (die Ausstellung wird trotz Agora-Elementen nicht zum Platz des freien Austauschs, zumindest nicht mehr, als sie es bisher schon ist).

Eine sichere Zukunft

‹El Fin del Mundo› wird auf zwei nebeneinander stehenden Leinwänden in Kinogrösse gezeigt. Der Film ist eine Art Short Story, die aus zwei Handlungssträngen besteht, die auf je einer Leinwand abgespielt werden und die sich inhaltlich aufeinander beziehen. Die linke Seite handelt von einem Künstler, der in seinem Atelier die letzten Stunden vor dem drohenden Weltuntergang seiner künstlerischen Tätigkeit widmet - sichtbar mit sich ringend, welchen Sinn diese Tätigkeit überhaupt noch hat. Auf der rechten Seite spielt die Geschichte weiter in der Zukunft, wo die Firma Tempus den verbleibenden Menschen eine «sichere Zukunft» gewährt, wenn sie zuvor ­einige Arbeiten erledigen. Die Hauptfigur ist eine junge Frau, die für Tempus einige Materialien aus der Vergangenheit archiviert: verdorrte Zweige und Blätter, sowie ­eine Lichterkette, die sie allerdings nicht als solche erkennt. Es stellt sich heraus, dass die Materialien vom Künstler des linken Handlungsstrangs für eine Plastik verwendet worden sind. Natürlich erfährt sie davon nichts. Aber es gibt einen Zwischenfall: Die junge Frau betritt während ihrer Arbeit einen verborgenen Nebenraum, der sich als das verlassene Atelier des Künstlers entpuppt. Dort erlebt sie einen Moment der Überwältigung, worauf sie beginnt, die Materialien anders zu betrachten und - entgegen Tempus' Anweisungen - auch auf eine eigene Art und Weise zu verwenden. Als sie schliesslich am Ende den Raum verlässt, hat sich ihre komplette Wahrnehmung verändert. Mit Tränen in den Augen blickt sie zurück auf das Laubwerk, das sie nach Tempus-Anweisungen zu einem eindrücklichen Gebilde aufgereiht hat.
Wer Moon und Jeon fragt, welches Verständnis von Kunst sie in einer Welt mit einer derartigen Gesellschaft für denkbar halten, wird keine klare Antwort erhalten - dafür den Kommentar, dass sie eben keine Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen wollen. Und das funktioniert. Allein ‹El Fin del Mundo› provoziert reihenweise Fragen. Etwa: Wenn die junge Frau sich die Lichterkette in einem spontanen Akt um den Kopf hängt, kann das als Performance gesehen werden? Ist es noch Kunst, was ein Künstler macht, wenn es niemanden ausser ihm gibt, der das entstandene Objekt als Werk erkennt? Kann Kunst in einer Zeit entstehen, die von der Kunstgeschichte total gelöst ist? Und angenommen, wir leben heute in einer prä-apokalyptischen Zeit, verändert das nicht den gesamten Status der heutigen Kunst?

Kunst neu verhandeln
So produktiv der Film für das Aufwerfen von grossen Fragen ist, eine Schwäche hat er: und zwar den Kunstbegriff, den er voraussetzt und von dem Moon und Jeon behaupten, dass es ihn nicht gibt. Zwar ist es nicht entscheidbar, ob das, was die junge Frau erschafft, als Kunst betrachtet werden kann oder nicht (also auch dann Kunst ist, wenn jedes historische Verständnis dafür fehlt), aber ihr Handeln ist durchaus kreativ - und zwar gegen das System. Und genau dieses Handeln beruht im Film auf einer fast esoterischen Veränderung ihres Wesens, das bereits in ihr ruht. Damit ist die Frage aber lediglich: Ist dieses natürliche kreative Handeln Kunsthandeln oder nicht? So skizziert der Film die mit ihm aufgeworfenen Fragen des Status von Kunst im Kern als eine Wahl zwischen einem historistischen und einem naturalistischen Kunstverständnis: Entweder man vertritt die Position, dass es ohne Geschichte und Diskurs keine Kunst geben kann, oder man sieht Kunst als etwas, das in der Natur des Menschen ruht. Es ist schon fragwürdig, ob eine derart auf unsere Gegenwart bezogene Fragestellung allein reicht, um mit einer Zukunft zu arbeiten, die absolut keine Vorstellung davon hat, was Kunst sein könnte, in der Kunst also radikal neu verhandelt werden kann. Mit anderen Worten: Was es braucht, ist nicht nur die Frage, ob sich Grundfragen unserer Zeit mit dem Ende dieser Zeit noch stellen lassen, sondern auch eine Vorstellung, wie sich diese Grundfragen selbst bis dann verändert haben könnten. Dann entstehen vielleicht Fragen, die unsere Gegenwart nicht nur in einem anderen Licht betrachten, sondern auch radikal neu beleuchten.
Philipp Spillmann, Kulturjournalist, Kritiker und Künstler, lebt in Zürich. philipp.spillmann@hotmail.ch

Bis: 22.11.2015


Publikation mit Beiträgen von Joe Jeong Hwan, Heike Munder (Kuratorin und Leiterin Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich), Tobias Peper und dem Urban-Think Tank (Alfredo Brillembourg, Hubert Klumpner, Daniel Schwartz) bei JRP|Ringier
‹News From Nowhere›, Koreanischer Pavillon, 56 Biennale Venedig, bis 22.11.

Jeon Joonho (*1969) lebt in Busan und Seoul, Korea
M.A. des Chelsea College of Art and Design, U.K.; B.F.A. der Dongeui University, Korea

Moon Kyungwon (*1969) lebt in Seoul
Masters of Fine Arts, California Institute of the Arts (CalArts); Ph.D in Visual Communication, Yonsei University, Südkorea

Ausstellungen (Auswahl)
2015 Koreanischer Pavillon, 56. Biennale Venedig; Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich; Tripostal, Lille
2014 Fukuoka Triennale; The Second Shenzhen Independent Animation Biennale
2013 Sullivan Galleries, School of the Art Institute, Chicago; Singapore Biennale, Singapore; Lichtsicht Biennale, Bad Rothenfelde; Cultural Station Seoul, 284, Seoul; Multitude Art Prize, UCCA, Beijing; YCAM, Japan
2012 Documenta (13) Kassel; Gwangju-Biennale, Gewangju; National Museum of Contemporary Art, Gwacheon, Korea
2010 Moskau-Biennale und der Ljubljana Biennial of Graphic Arts



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Jeon Joonho, Moon Kyungwon [29.08.15-08.11.15]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Moon Kyungwon
Künstler/in Jeon Joonho
Link http://www.koreanpavilion2015.com
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