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Fokus
10.2015


 Die Malerei von Pia Fries bildet nichts ab und illustriert nichts. Ob sie deswegen auch keine Geschichten erzählt? Sie tut es. ­Allerdings handelt es sich um ihre eigene Geschichte, um ihre Entstehung, ihre Eigenarten. Sie greift damit weit über sich selbst hinaus. Mit ihrer Malerei nimmt uns die Künstlerin mit auf eine Reise, deren Ziel unbekannt ist.


Pia Fries - «Ich muss der Farbe gehorchen»


von: Niklaus Oberholzer

  
links: Windhand Laufbein, 2015 ©ProLitteris, Ausstellungsansicht Kunstplattform akku Emmen. Fotos: Andri Stadler
rechts: ludossus, 2015, Öl und Siebdruck auf Holz, 120 x 100 x 4,7 cm ©ProLitteris


In ‹farou› sprüht die Farbe in ganz verschiedene Richtungen - nach oben links spitz zulaufend in mit Dunklem durchsetztes Gelb. Türkis greift, unter einer weiss-rosa Form, nach oben rechts, und seitlich rechts erinnern seine spitzen Formen an ­Federn exotischer Vögel. Unterhalb des Zentrums des mehrheitlich weissen Bildraums schwebt eine klar konturierte Form - dunkle Linien zeichnen einen Fuss, einen Schenkel, Fragmente eines Mannes. Ein dunkelrosa Farbkörper legt sich so darüber, dass die Zeichnung sichtbar bleibt. In ‹windhand› korrespondieren ein diagonaler, im weissen Raum frei schwebender Farbkomplex in Gelb und Rot mit einer ähnlich farbigen Form in der oberen rechten Bildecke. Auch da zeichnet ein Liniengeflecht Körperteile, die sich in den Farbkomplexen aber eher verbergen als zeigen.
Für beide Werke vergrösserte Pia Fries Teile der Kupferstiche der vom Himmel stürzenden Figuren - Ikarus, Phaeton, Ixion und Tantalos - von Hendrik Goltzius (1558-1616) und übertrug sie in Serigrafie-Verfahren auf den weissen Bildgrund. Auch in den anderen, 2015 entstandenen Malereien der Serie ‹Windhand Laufbein› sind solche Körperteile aus den Blättern des höchst virtuosen Manieristen aus den Niederlanden zu entdecken. Sie sind ein Anfang, der ein Geschehen in Gang setzt, ohne aber gradlinig auf ein Ziel hinzusteuern oder ein System zu entwickeln.
Schon früher verfuhr Fries auf ähnliche Weise mit Zitaten - zum Beispiel aus Maria Sibylla Merians Surinam-Werk von 1705. Damals ging es wohl auch um ein Denkmal für die grossartige Frau, Künstlerin und Wissenschaftlerin. Doch warum nun gerade Hendrik Goltzius? Fries erläutert die Wahl wie folgt: «Zukunft braucht Herkunft. Es ist immer schon etwas da, und ich kann als Malerin nicht einfach auf einer weissen Leinwand beginnen. Die faszinierende Geschichte ist da. Auch Künstler sind da - Goltzius zum Beispiel mit diesen fliegenden und stürzenden Menschen ohne einen festen Grund unter den Füssen. Die Horizontale fehlt, der Boden ist entzogen. Alles ist im Fluss und nichts hat seinen Halt.» Und: «Goltzius schuf Bilder eines zerbrochenen, auseinandergerissenen Daseinsbewusstseins des Menschen.»

Das Potenzial des freien Raums

In den neuen Arbeiten von Fries lässt sich tatsächlich eine Parallele zu Goltzius entdecken. Gemeint sind nicht die als Fragment erscheinenden Zitate, sondern die visuelle Umsetzung eines Lebensgefühls des Schwebens, Fallens oder gar Stürzens, das aus Goltzius' Blättern spricht. Die weiss grundierte Holzfläche des Malgrunds bietet den freien Raum, in dem sich dieses Lebensgefühl entfalten kann. Fries setzt ihn als wichtiges Element ein: Dieser Raum ist nicht leer. Er bietet Farben, Farbwerten und Material erst die Möglichkeit, sich auszubreiten und zu sich selbst zu finden. In ähnlicher Weise gibt der weite Himmel dem mit perspektivischer Vielfalt ins Bild gesetzten Bewegungsreichtum der Stürzenden von Goltzius Raum. Dass sich mit den Figuren aus der antiken Mythologie allerdings die Tragik des Himmelssturzes verbindet, dass der Flug wohl ein Gefühl von Freiheit vermitteln kann, jedoch mit dem Tod oder mit Höllenqualen endet, bleibt ob all dieser Virtuosität aber im Hintergrund.
Dazu äussert Fries: «Die Ausdruckskraft der Malerei realisiert sich im Material. So haben wir zwei Pole, die sich auf einer Bildfläche ergänzen  - zwei auseinanderstrebende Pole, die sich aber wiederum umarmen. Das Können von Goltzius im Umgang mit der ­Linie, welche eine Kontur wiedergibt, ist der eine Pol, der andere ist die Kraft des Mate­rials selbst, die Ausdruckskraft der Farbe. Die Farbe zeigt sich selbst und geht über alles hinaus, über den Raum, über das Bild. Sie zeigt sich in ihrer Materialität, in ihrer vielseitigen Konsistenz. Sie bäumt sich auf, mischt sich, verwischt sich...»
Fast jede Malerei bewegt sich innerhalb fest gesetzter Grenzen - auch hinsichtlich ihrer Ausdrucksmöglichkeiten, welche die Künstler/innen einem Plan, einer Idee, vielleicht einer vorbereitenden Skizze unterwerfen. Und meist steht ein Ergebnis nicht in jedem Detail, wohl aber in grossen Zügen fest.

Die Kraft der Farbe
Nicht so bei Fries. Nicht nur die Zitate aus Werken von Maria Sibylla Merian oder Goltzius, sondern jede Aktion auf der Bildfläche bestimmt die Fortsetzung mit, ob es bewusste Farbsetzungen sind oder kleine Zufälligkeiten wie ein Farbspritzer hier und ein spontaner Farbverlauf dort. Macht die Farbe, was sie will? Fries antwortet: «Die Farbe macht, was sie kann. Sie macht sogar mehr, als ich selbst kann. Sie überrascht mich. Ich muss ihr gehorchen. Nicht ich habe sie im Griff, sondern sie mich. Erst so wird die Malerei zum Erlebnis - für mich und auch für die Betrachterinnen und Betrachter.»
Wer denkt bei dieser Aussage nicht an Paul Klee und seinen berühmten Ausruf in Kairouan: «Die Farbe hat mich»? Allerdings ging es Klee wohl weniger um den Umgang mit der Farbe als Material als um den Umgang mit den nicht an die Farbmaterie gebundenen Farbwerten. Fries: «Auch der Farbwert ist natürlich wichtig. Farbwerte können ja das ganze Gleichgewicht oder Ungleichgewicht eines Bildes kippen. Dieses Eigenleben der Farbe macht die Genese des Bildes sichtbar. So schleicht sich in eine Malerei ohne Gegenständlichkeit und Abbild auch ein narratives Element ein, indem die Malerei von sich selbst und von ihrer Entstehung erzählt.»
Dieser Umgang mit der Farbe führt die Künstlerin auf einen Weg voller Überraschungen, weil sie dessen Ausgang nicht kennen kann. Sie nimmt uns mit auf diesen Weg, der eher zur Erkenntnis des Fragmentarischen als zur Erkenntnis des Ganzen führt. Aus der Ferne rückt sich die Tektonik der Bilder in den Vordergrund - das Schweben oder Taumeln der Farbkörper im Raum. Aus der Nähe erschliessen das Eingreifen in die Farbe, das Freilegen der Schichtungen, das Abkratzen und Neubeginnen auf der Basis des Gewesenen, aber auch das Geschehenlassen sowie das ­eigengesetzliche Fliessen der Farbe einen Arbeitsprozess, der über das einzelne Bild hinausgreift in einen grösseren Zeitzusammenhang.

Ein Weg mit unbekanntem Ziel
Und die Titel der Werke - der neuen Arbeiten zumal? Sie erklären nichts. Nur vielleicht weisen sie, da schwer oder gar nicht verständlich, einen Weg. Was sollen wir mit ‹brian›, ‹chamsin›, ‹drevend›, ‹nemen› oder ‹zisalp› anfangen?
Fries erläutert: «Ich will mit den Titeln keine Erklärungen und Begriffe geben. Das Bild führt ein Eigenleben. Der Titel ist der Name des Bildes. Wir stehen vor dem Bild, sehen das Gemalte und hören den Klang des Titels: Das Gemalte im Auge und das Gehörte im Ohr überkreuzen und verknüpfen sich. So entstehen neue Verbindungen und Anknüpfungspunkte. Ich möchte dem Bild einen Klang mitgeben, und dieser Klang führt uns vielleicht wieder anderswohin - nicht in ein vorbestimmtes begriffliches System, sondern in unbekanntes Land.»
Die Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (2011) nannte Fries ‹Krapp Rhizom Luisen Kupfer›. Da spielt die Markgräfin Karoline Luise von Baden (1723-1783) mit; sie war Kunstsammlerin, aber auch mit dem Verarbeiten von Kupfer und dem Anpflanzen von Krapp als Rohstoff für rote Farbe beschäftigt und somit eine Wirtschaftspionierin. Mit ‹Rhizom›, was ein unsystematisches, in alle Richtungen wucherndes Wurzelsystem benennt, wird die bewusst gesetzte Titelgebung ­allerdings höchst komplex.
Fries führt aus: «Krapp ist die rote Farbe. Zusammen mit dem Begriff ‹Rhizom› beschreibt der Titel die Art und Weise, wie die Malerei gehandhabt wird - nämlich sich ausbreitend nach allen Richtungen, überall Anknüpfungspunkte suchend. Alles ist mit allem vernetzt und verknüpft. Jeder Punkt ist mit jedem Punkt verbunden. All das ist Malerei.»
Niklaus Oberholzer ist Kunstkritiker und Publizist in Horw. niklausoberholzer@bluemail.ch
Alle Zitate stammen aus einem Gespräch vom 19. 8. 2015 in Emmenbrücke.

Bis: 24.10.2015


mit Publikation

Pia Fries, *1955 in Beromünster, lebt in Düsseldorf
1977-1980 Kunstgewerbeschule Luzern (Anton Egloff)
1980-1986 Kunstakademie Düsseldorf (Gerhard Richter, Meisterschülerin)
1984-1998 Dozentin für Malerei Kunstgewerbeschule Luzern
1998-2000 Lehrauftrag Malerei Kunstakademie Düsseldorf
2007-2014 Professur für Malerei Universität der Künste Berlin
Seit 2014 Professur an der Akademie der bildenden Künste, München

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 Kunstplattform akku Emmenbrücke, Luzern; Galerie Mai 36, Zürich
2014 Christopher Grimes Gallery L.A.
2013 Neue Galerie Gladbeck, Gladbeck; Galerie Nelson-Freeman, Paris
2012 Studio Michael Royen, Vettelschoß; CRG Gallery, New York
2011 Villa Wessel Iserlohn; Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
2009 Fred Thieler-Preis, Berlinische Galerie Berlin
2007 Kunstmuseum Winterthur, Josef Albers Museum Quadrat Bottrop
2000 Overbeck-Gesellschaft Lübeck



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Pia Fries [28.08.15-24.10.15]
Ausstellungen Pia Fries [22.08.15-18.10.15]
Video Video
Institutionen Mai 36 Galerie [Zürich/Schweiz]
Institutionen akku/Kunstplattform [Emmenbrücke/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Pia Fries
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