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Fokus
10.2015


 Die in St. Gallen lebende britische Malerin Rachel Lumsden ­kreiert Bildwelten, deren Darstellungen - trotz gegenständlicher Malweise - nicht sofort ins Auge springen. Vielmehr strahlen sie eine rätselhafte Energie aus. Die zurzeit in Zürich ausgestellten neuen Werke oszillieren zwischen kraftvoller Materialität und dem Heraufbeschwören von Illusion, zwischen Materialober­fläche und suggestiver, imaginärer Dimension.


Rachel Lumsden - Malerei ist die sexy Form der Quantenphysik


von: Felicity Lunn

  
links: Hovercraft, 2015, Öl auf Leinwand, 210x170 cm, alle Gemälde Courtesy Galerie Bernard Jordan Zürich. Foto: Peter Rohner
rechts: Leap-Minute, 2015, 210x170 cm, Öl auf Leinwand


Lunn: Im Hinblick auf deine neuen Bilder scheint deine Arbeit in den letzten Jahren subtile, aber signifikante Veränderungen durchlaufen zu haben. Der Umgang mit Farbe fühlt sich lockerer und entspannter an.

Lumsden: Stimmt. Meine Arbeit ist ungehobelter geworden. Vielleicht benötigen auch die Themen mehr Zeit. Die Bilder sind skizzenhafter, bleiben offener, ich will sie nicht unbedingt zu Ende malen. Ich habe davor lange in Serien gearbeitet, weil ich so die verschiedenen Aspekte eines Themas ausloten konnte. Mittlerweile ist mir das zu einengend geworden. Ich male wieder Einzelbilder, weil ich die Freiheit mag, fast gleichzeitig verschiedene Wege zu beschreiten.

Lunn: Dein früheres Werk hat sich oft auf Künstler wie Goya oder Guston berufen. Deine neuen Arbeiten scheinen sich weniger um Vorgänger zu scheren. Wie ist dein Verhältnis zur Kunstgeschichte?

Lumsden: Es gibt natürlich immer sowohl einen kunsthistorischen als auch einen zeitgenössischen Kontext für meine Arbeit. Ich habe auch keine Hemmungen, mich bei anderen Kunstschaffenden in Bezug auf Sujets oder Farbauftrag zu bedienen, überprüfe dabei jedoch, was mir die jeweiligen Arbeiten zu sagen haben. Ich mag zum Beispiel Corots atmosphärische Herbstlandschaften, bin allerdings ebenso fasziniert von Malcolm Morleys farbstarken Werken, die so ziemlich das Gegenteil meines Zugangs zur Malerei sind. Stark und anhaltend beeinflussen mich Walter Sickerts Bilder, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Seine düsteren Darstellungen bürgerlicher Wohnlandschaften und der schmuddeligen Seite des Lebens in London haben viele Berührungspunkte mit den Interieurs, die ich male.

Lunn: ...die bei dir eindeutig im Fokus stehen, auch wenn sich unter den neuen Arbeiten ein, zwei Exterieurs befinden. In der englischen Malerei gibt es eine starke Tradition für das Interieur, aber sein Stellenwert in der zeitgenössischen Kunst ist eher gering. Was macht es aus, dass du dich nach wie vor dafür interessierst?

Lumsden: Möglicherweise die Tatsache, dass ich schon lange nicht mehr in England lebe. Ich bin auch fasziniert von der britischen Eigentümlichkeit des «bed-sit», der winzigen Einzimmermietwohnung, die es in dieser Form anderswo kaum zu geben scheint. Räume haben Ausdruckskraft: Die Gegenstände - speziell Lampen und Möbel - sind Stellvertreter der abwesenden Bewohner. Auch ist oft nicht ersichtlich, wo man sich eigentlich befindet: In ‹Here we go again›, 2014, ist zum Beispiel nicht unmittelbar klar, dass man auf einen im Spiegel reflektierten Kaminsims schaut.

In Farbe schwimmen
Lunn: Das hat auch mit deiner immer schon sehr physischen Handhabung der Farbe zu tun. Hat sich deine Beziehung zur Farbe als Material in den letzten Jahren verändert?

Lumsden: Ich bin sicher unbekümmerter geworden und verlasse mich weniger auf bereits erprobte Strategien als früher. Ich trage Farbe als trockenes Impasto auf, giesse sie aber auch auf die Leinwand, bis die Oberfläche eine einzige Suppe ist und ich das Gefühl habe, in Farbe zu schwimmen. Indem ich dann Farbe übers Bild ziehe - was sich nur teilweise kontrollieren lässt -, kann ich trockene oder klebrige und feuchte Bildteile entstehen lassen. In diesem Handgemenge mit dem Material Farbe schaffe ich Platz für das Unerwartete, und dieses ist es, das mich weiterbringt. Manchmal nutze ich auch dünne Schichten sehr flüssiger Farbe, um einen Teil des Bildes zurückzunehmen. Dabei verschwindet oft etwas bereits gelungen Gemaltes, ein anderer Teil kann deutlicher hervortreten, Kontraste entstehen.
Für mich geht es beim Malen generell um diese Zerstörungen, damit ein Bild ein zweites oder sogar drittes Leben haben kann. ‹Leap Minute›, 2015, das Bild mit den zwei Mädchen, ist so ein Beispiel: Ich habe ihre Gesichter verschwinden lassen, obwohl sie überzeugend gemalt waren, weil ich nicht wollte, dass sich die Arbeit zu einem Porträt entwickelt. Es ging mir vielmehr um eine Art Bewegung zwischen verschiedenen Graden der Sichtbarkeit, ich wollte, dass sich das konkret Körperliche auflöst in mehrdeutige Formen.

Farbklecks wie auch Abbildung
Lunn: Man kann deine Malerei nicht als erzählerisch bezeichnen, weil sie viel zu offen oder zu mehrdeutig ist und sich einer eindeutigen Lesart verweigert. Dennoch: Deine Bilder zeigen atmosphärisch aufgeladene Welten. Wie bringst du beides unter einen Hut, die Darstellung von Inhalten einerseits und die kraftvolle malerische Materialität andererseits?

Lumsden: Das schafft spannende Zusammenstösse! Malerei ist die sexy Form der Quantenphysik. Jede Spur auf der Leinwand ist sowohl Farbklecks, also Materie oder Teilchen, wie auch Abbildung, also Welle. Oft komme ich mir beim Malen vor, als befände ich mich auf einer schlammigen Baustelle und müsste Entwurf und Material so lange in Form bringen, bis die halbgeronnene Farbe figurative Gestalt annimmt, aber geschmeidig genug bleibt, sich selbst, aber auch etwas anderes zu sein.

Lunn: Arbeitest du sehr intuitiv?

Lumsden:Tu ich. Ich sehe Intuition allerdings als eine Form von Wissen, das sich über Jahre hinweg angesammelt hat und mir hilft, lateral zu denken und zu sehen, also zu unterscheiden, wie Dinge erscheinen und was sie wirklich sind. Intuition ist nötig auch für den Balanceakt zwischen Bildinhalt und Handhabung der Farbe. Mir geht es beim Malen vor allem um Materialität, in einem Ausmass, dass ich oft die Bildideen fahren lasse, um der Farbe selbst Entfaltungsraum zu geben. Jede Leinwand ist ein Universum für sich, mit Regeln, die nur für diese Leinwand gültig sind. Die muss ich zuerst entdecken, dann kann ich darauf antworten. Der wirklich spannende Moment stellt sich ein, wenn dieser Dialog zwischen dem Bild und mir in Gang gekommen ist.
Farbe ist eigensinnig. Das ist auch der Grund, dass mir Fehler und Unfälle beim Malen lieb sind, ich sie manchmal geradezu einlade, damit die Farbe in Bewegung bleibt. Mir ist der Prozess wichtiger als das anvisierte Malziel, weil ich weiss, dass eine unbeabsichtigte Entwicklung klärend wirken kann, mir bringt, worauf ich gewartet habe. Das bezieht sich übrigens auch auf die Betrachtenden. Es ist gar nicht so leicht, meine Bilder anzuschauen, manchmal sogar beunruhigend. Sie bieten sich nicht zum schnellen Verzehr an, sondern verlangen einiges an Mitarbeit.

Malerei als körperliche Erfahrung
Lunn: Was für eine Rolle spielt diesbezüglich das Format der Bilder?

Lumsden: Sie müssen gross sein, mindestens so hoch wie ich, weil sie für mich und andere zu einer körperlichen Erfahrung werden sollen, egal, ob man sie von ganz nah oder von weit weg anschaut. Ich arbeite nie im Mittelformat, male aber kleine Bilder auf Siebdruckplatten, Papier oder Leinwand, manchmal auch als Entwürfe für grosse Formate. Das Grossformat erlaubt vielfältigeres Spurenlegen und hat deshalb mehr Ausdrucksbreite.

Lunn: Zur Ausdrucksbreite. Schreibst du parallel zum Malen über den Malprozess?

Lumsden: Ich versuche seit vielen Jahren, den Malprozess schriftlich zu erfassen und zu erklären. Es gelingt mir zwar immer besser, meine Parameter für die Malerei zu benennen, aber ich verstehe auch immer mehr, dass Malerei nur auf der Leinwand geschieht, im Moment des Malens. Ich kann Themenfelder recherchieren, Bildvor­lagen zusammensuchen, mit Kompositionen in Photoshop experimentieren, Skizzen machen - aber all das ist nur Vorbereitung für den Moment, in dem ich Farbe auf die Leinwand bringe.
Felicity Lunn (*1963), seit 2012 Direktorin des Kunsthaus CentrePasquArt in Biel. felicity.lunn@pasquart.ch
Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Sprenger

Bis: 17.10.2015


Rachel Lumsden (*1968, Newcastle-Upon-Tyne) lebt nd arbeitet in St. Gallen, Arbon und London
1987-1991 Bachelor of Arts (Honours) in Fine Art an der Nottingham Trent University
1995-1998 Postgraduate studies in Painting (MA) an der Royal Academy Schools in London
Seit 2007 Dozentin an der Hochschule Luzern, Design und Kunst

Einzelausstellungen
1999 ‹Foreign Body›, Rivington Gallery London
2001 ‹Arc-light›, Bridlesmith Gallery Nottingham; ‹Arc-light›, The Spitz Gallery London
2004 ‹Misplaced›, (Doppelausstellung), Vertigo Gallery London
2006 ‹Silent Inhabitants›, (Doppelausstellung), Kunsthalle Arbon; ‹Dashboard Talisman›, Galerie Christian Röllin
2008 ‹Bird Wars›, Katharinen St. Gallen
2009 ‹Man & Beast›,Kunstraum Engländerbau, Vaduz
2012 ‹What's the Time, Mr. Wolf?›, Galerie Schönenberger
2013 ‹Six Impossible Things Before Breakfast›, Kunstraum Akku, ‹Drunk in Charge of a Bicycle›, Kunst
raum Kreuzlingen
2015 ‹The Other Island ›, Galerie Bernard Jordan, ‹Straight Flush›, Galerie Bleisch



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Sébastien Dartout, Rachel Lumsden [26.08.15-17.10.15]
Institutionen Bernard Jordan [Zürich/Schweiz]
Autor/in Felicity Lunn
Künstler/in Rachel Lumsden
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