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Ansichten
10.2015


 Es gibt tausende Rastplätze dieser Art. Anonym ist ihre Stimmung, anonym ihre Entstehung. Doch irgendwer muss sie entworfen, Materialien und Bepflanzung zweckmässig und schön gefunden haben. Als Szenerien stellen sie der Gesellschaft eine Diagnose. Über die Fotografie wird ihr verhaltenssteuernder Charakter sichtbar.


Ansichten - Schönheit und Trauer


  
Roland Iselin · Rastplatz, aus: Unguided Road Trip, Monografie mit Landschaftsfotografien ab 2010 aus der Schweiz und den USA (in Vorbereitung) ©ProLitteris


Hier hält die Zeit den Atem an. Zwar zeigt die Uhr zwanzig vor zwölf, es ist ein Tag im Winter, unter bedecktem Himmel staut sich feuchte Kälte. Gut möglich, dass die Zeiger brav vorwärtsrücken während der Dauer des Aufenthalts an diesem Ort im Irgendwo. Doch alles wirkt wie stillgestellt, von einem nahen Acker meint man das verlorene Krächzen der Rabenkrähen zu hören. Flügellahm sind sie wie die Zeit, die in diesem Transitraum hängt. Der Fotograf Roland Iselin hat ihn am Rand eines Golfplatzes entdeckt. Im Sommer machen hier die Spieler also eine Pause? Wer jetzt vorbeikommt, geht den Weg entlang zum Pavillon. Dort bleibt man kurz stehen, schaut sich um, setzt vielleicht eine PET-Flasche an die Lippen, trinkt. Dann tritt man wieder ins Freie, mit leerem Kopf. Was soll man hier schon tun? Kalt ist es, freudlos, zu ordentlich. Niemand wird sich auf den Rasen setzen, nicht nur der Jahreszeit wegen. Denn die Anlage ist auf stille Art diktatorisch: Sie bestimmt, wo man zu gehen hat, sie lenkt die Blicke. Und man tut das alles, ohne Halt zu finden.
Ein Landschaftsbild sei, so ist von William Turner überliefert, ein Kommentar zur Natur des Menschen, es sei ein Nachdenken über die Spannung zwischen Ordnung und Unordnung. Wer plante also das Gelände, entschied sich für die Fichten, Buchen, die Höhe der künstlichen Hügel? Wer hat für den Pavillon ein Sechseck, dann diese Betonbacksteine, die Plastikfolie für die Fenster gewählt? Wer fand das zweckmäs­sig, schön? Und wer sagte, es müsse diese ambitiöse Uhr sein, die mit ihren kupferfarbigen Gehäusen wie ein grosses Janusgesicht den Pavillon bewacht? Zeigen beide Seiten die gleiche Zeit? Den Osten und den Westen? Das Gute und das Böse?
Ja, irgendwann muss irgendwer den Zirkel angesetzt und bestimmt haben, wo das schottergefüllte Rund hinkommt, auf dem der Pavillon steht. Und vielleicht noch stehen wird in dreissig Jahren, wenn die Bäume dann grosse Schatten werfen. Doch da hat die schreckliche Ordnung an diesem Ort die Hunde der Unordnung schon geweckt, die in der Seele schlafen. Sie stimmen im Innern ein Geheul an, machen den Rastplatz zum Abgrund - aber nur im Stillen. Eher früher als später wird man also den Blick gegen die doppelte Uhr heben und sagen: Und? Sollen wir weiter? Dann verschwinden die Frauen noch schnell hinter die Hügelchen, während sich die Männer ungeniert zu den Fichten wenden. Im Blick haben sie ihre Schönheit, ihre Trauer.
Nadine Olonetzky, Autorin unter anderem für ‹NZZ am Sonntag› sowie Herausgeberin mehrerer Bücher. Mitglied von kontrast und Projektleiterin/Lektorin bei Scheidegger & Spiess. olonetzky@kontrast.ch



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Ausgabe 10  2015
Autor/in Nadine Olonetzky
Künstler/in Roland Iselin
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