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Besprechung
10.2015


Gabriele Lutz :  Nicht dass Joan Mitchell unter den abstrakten Expressionisten eine Unbekannte wäre, dennoch ist ihr die Wertschätzung, die ihren männlichen Kollegen zuteil wurde, versagt geblieben. Das Kunsthaus Bregenz würdigt die amerikanische Künstlerin mit einer fulminanten Retrospektive.


Bregenz : Retrospektive Joan Mitchell - Überraschend zeitgenössisch


  
links: Joan Mitchell · Ausstellungsansicht 2.OG, Kunsthaus Bregenz ©Courtesy Joan Mitchell Foundation und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter
rechts: Joan Mitchell · Ausstellungsansicht 2.OG, Kunsthaus Bregenz ©Courtesy Joan Mitchell Foundation und Kunsthaus Bregenz. Foto: Markus Tretter


Bereits in den frühen Fünfzigerjahren fiel Joan Mitchell (1925-1992) - eine der wenigen Frauen der damaligen New Yorker Kunstszene - mit einer eigenständigen Bildsprache auf. Sie erhielt früh Anerkennung, stellte ab 1953 in der angesagten Stable Gallery aus und war 1959 auf der Documenta vertreten. Mit Dokumenten, Fotografien und Briefen vermittelt die Ausstellung biografischen Kontext. Die von den Eltern geförderte Affinität zur Literatur pflegte Mitchell später in Freundschaften etwa mit dem Dichter und MoMA-Kurator Frank O'Hara und mit Samuel Beckett. Der Person Joan Mitchell kommt man vor allem in Filmdokumenten näher. Hier zeigt sich ihre Verletzlichkeit angesichts der Diskriminierungen, die sie als «Ladypainter», wie sie sich bezeichnete, in einer männerdominierten Welt hinnehmen musste.
Die Ausstellung versammelt dreissig Bilder meist in Grossformaten, welche die Künstlerin im Lauf ihrer mehr als vier Jahrzehnte umfassenden Schaffenszeit anfertigte. In den ruhigen, klar strukturierten Räumlichkeiten mit einzigartiger Tageslicht-Regie entfaltet sich die Dynamik der gestischen Malerei ebenso wie deren meditative Qualitäten. Höhepunkt ist der Raum mit den vierteiligen Bildern, die weite Landschaften evozieren, darunter ‹A Small Garden›. Mitchells Bilder - gleichermas­sen bewegt-kraftvoll und von tänzerischer Leichtigkeit - sind ohne Patina und lies­sen sich geradezu in der zeitgenössischen Kunst verorten. «I carry my landscapes around with me», äusserte sie sich 1957. Nicht als Spuren einer gestisch-physischen Aktion sollen ihre Bilder gelesen werden, sondern als zu Kompositionen verdichtete visuelle und emotionale Erinnerungen. ‹Ladybug› nimmt als kalligrafische Notation Bezug auf die Jazzsängerin Nina Simone, ‹Minnesota› die Landschaft ihrer Kindheit. Tatsächlich ist es diese Verbindung von abstrakter Bildsprache und gegenständlich-emotionaler Suggestion, die Inspiration für junge Kunstschaffende ist, wie Ken ­Okiishi im Katalog schreibt. Mit der Übersiedlung nach Frankreich Ende der Fünfzigerjahre rückte der Dialog mit der europäischen Moderne, mit Monet und van Gogh, in den Vordergrund. Man wähnt sich vor Mitchells leuchtendem Gelb, Orange und Blau vor Feldern von Sonnenblumen oder Lavendel. Die Bilder sind ohne narrative Details, konsequent abstrakt-expressiv. ‹Merci› - im Todesjahr gemalt - darf in der Reduktion auf Vertikale und flüchtige Kringel - Baum und Sonnenblumen - als Hommage an die Natur, die Kunst, ihr Leben als Künstlerin verstanden werden.

Bis: 25.10.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Joan Mitchell [14.11.15-21.02.16]
Institutionen Museum Ludwig Köln [Köln/Deutschland]
Autor/in Gabriele Lutz
Künstler/in Joan Mitchell
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