Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
10.2015


Markus Stegmann :  Das Gemälde ‹Bacchanal› des französischen Barockmalers ­Nicolas Poussin und der Film ‹The Last of England› des britischen Filmemachers Derek Jarman sind die historischen Bezugspunkte neuer Werkgruppen von Uwe Wittwer, die ein komplementäres, existenzielles Lebensgefühl zweier Epochen sondieren.


London : Uwe Wittwer - Vorsprachliches Sprechen


  
Uwe Wittwer · Bacchanal after Poussin, 2015, Öl auf Leinwand, 110x130 cm


Im Zentrum der Ausstellung steht der 28-teilige Zyklus ‹Cracked Glass after Jarman›, der Filmstills aus ‹The Last of England› von 1986 mit Textfragmenten von T.S. Eliots Langgedicht ‹The Waste Land› von 1922 verbindet. An beiden historischen Bezügen interessiert Uwe Wittwer (*1954) das Changieren zwischen Leere und Entleertheit. Der Film hat aber auch viel mit seiner eigenen biografischen Situation in den Achtzigerjahren zu tun. Bild und Text entstehen jeweils auf zwei verschiedenen Blättern, die anschliessend eingescannt und am Bildschirm zusammengeführt werden. Dabei nimmt Wittwer partiell die Lesbarkeit des Textes zurück, so dass Bild und Text in den Inkjetprints gleichermassen mehr als vage Erinnerungen denn als konkrete Abbildungen erscheinen. Es geht um die Frage, welches Terrain mit der Begegnung von Text und Bild geöffnet wird. Wie in einem Traum tauchen Facetten von Gewalt, Familiengeschichten oder romantischen Landschaften auf und verschwinden ebenso rasch wieder. Film und Gedicht - ihrerseits bereits markante Übersetzungen der Wirklichkeit - entfernen sich um weitere Umdrehungen von der Aussenwelt und lassen wie in einem magischen Ozean Partikel fremder Herkunft, Stofflichkeit und ­Erinnerungskraft aufsteigen und wieder absinken. Bild und Text drehen sich in einem Wirbel der Schwerelosigkeit, der auf eine archaische Narration jenseits tradierter Erzählstrukturen verweist, auf eine Art vorsprachliches Sprechen.
In seiner fünfteiligen Gruppe ‹Bacchanal after Poussin› analysiert Wittwer eines der bedeutendsten Gemälde Nicolas Poussins von 1634/35, indem er zunächst die Bildmotive zergliedert und dann collageartig erneut zusammensetzt. Die so entstandenen Arbeiten weisen unterschiedliche Bildebenen auf und verstärken die Vorstellung dionysischer Trunkenheit und Bodenlosigkeit. Bildebenen erscheinen verschoben oder gespiegelt, Positiv und Negativ finden sich umgedreht, Oben und Unten verlieren ihre gewohnte Ordnung. Der Blick auf die Bilder gleicht dem in ein Kaleidoskop: Mit jedem Schütteln bzw. Schauen treten neue Muster ins Bewusstsein. Und doch gibt es Motive, die wiederkehren: Trompeten, Bäume, Figuren, Haare. Wittwer geht frei mit dem kunsthistorischen Erbe um und versetzt die bacchantische Ausgelassenheit in eine Gegenwart, die in ihren Ausschweifungen denjenigen der Antike in nichts nachsteht. Im Unterschied zu Poussin ist die Sinnenfreude bei Wittwer jedoch vielfach gebrochen und zu einem neuen Gewebe verwoben.

Bis: 03.10.2015



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Uwe Wittwer [04.09.15-03.10.15]
Institutionen Parafin Gallery [London/Grossbritannien]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Uwe Wittwer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=150923123033TIL-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.