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Besprechung
10.2015


Dominique von Burg :  In grossformatigen Monotypien und Radierungen lässt Francine Mury poetische und formal reduzierte Berglandschaften enstehen, die gleichzeitig Symbol und Spur, Schatten und Abdruck sind und zwischen Erinnerung und Vergessen oszillieren. In den meditativ-verträumten Bildern scheint die Zeit stillzustehen.


Mendrisio : Francine Mury - Il Monte (San Giorgio)


  
links: Francine Mury · tre vedute, Monotypien auf Zerkall-Papier, 108x76 cm, 2015, Druck: Atelier Impres­sione Locarno
rechts: Francine Mury · tre vedute, Monotypien auf Zerkall-Papier, 108x76 cm, 2015, Druck: Atelier Impres­sione Locarno


Ein Berg erhebt sich im Widerschein der Abendsonne aus dem Wasser. Andernorts spiegelt er sich im Wasser und hebt sich als präzis konturierte Dreiecksform vom nächtlichen Himmel ab. Basierend auf einer sparsamen Palette in blau-, sand- und ockerfarbenen Tönen und in pastosen oder leichten, opaken oder transparenten Überlagerungen ist das Motiv auf einigen Blättern nur noch ganz blass erkennbar. Dabei scheint der Bildraum eine ungeheure Weite zu öffnen. Es herrscht eine atmosphärisch aufgeladene Stille. Ausgehend von der Erscheinung des Monte San Giorgio überträgt die in Meride lebende Francine Mury (*1947, Montreux) das Motiv lediglich mit stimmungsvollen Farben und Formen in ihre eigene Zeichenwelt, die mentale Zustände reflektiert. In der Natur und in regelmässigen Indienreisen, in Auseinandersetzung mit dem Hinduismus, den Yantra-Figuren (rituellen Diagrammen, die rein geometrische Figuren sind) und den Vedanta-Lehren findet Mury Inspiration. Ihre Werke spiegeln eine spirituelle Haltung, die Konzentration sucht und innere Harmonie anstrebt.
Mury arbeitet in Symbiose und im Dialog mit der Natur, besonders wenn sie isolierte pflanzliche Fragmente oder blass aufscheinende, oft paläontologische Spuren festhält. Ohne naturalistischen Kontext, in einem abstrakten Raum, der allerdings von einem verborgenen Licht erfüllt ist, lässt sie Blätter, Blumen, Laub, Samen, Eizellen und seltsame organische Formen auf der Bildoberfläche schwimmen. Sie sprechen noch rudimentär von ihren früheren, schwer zu entziffernden Herbarien. Mit ausdrucksstarken, autonomen Linien evoziert sie eine pulsierende, ursprüngliche, vitale Welt. Eine Unendlichkeit, die - so Lao Tse - «wie oben so unten» sich selbst in einem Grashalm erahnen lässt. Man fühlt sich zuweilen an orientalische Gärten erinnert, die als irdische Abbilder himmlischer Sphären konzipiert wurden.
Im meditativen Akt des Malens wird Mury immer wieder mit der Frage nach ihrer Identität konfrontiert. Ihre lyrischen, minimalistischen, verdichteten und eindringlichen Werke werden zu stillen und tiefgründigen Spiegelbildern, die einen bewussten geistigen Zustand zum Ausdruck bringen. Davon spricht die Künstlerin, wenn sie auf die Verbindung von allem Seienden hinweist: «Mes oeuvres sont en quelque sorte des autoportraits, telles des vues macroscopiques du système nerveux de tout être ­humain.»

Bis: 18.10.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Francine Mury [20.09.15-18.10.15]
Institutionen Stellanove Spazio d'Arte [Mendrisio/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Francine Mury
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