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Besprechung
10.2015


Feli Schindler :


Somerset : Somerset - Arkadien in Südengland


  
links: Smiljan Radić und Piet Oudolf (Gartenarchitekt) · The Serpentine Gallery Pavilion im Oudolf Field, 2014,Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Heather Edwards
rechts: Dan Graham · S-Curve, 2001, Durslade Farm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Ken Adlard


Bruton soll, so will es die Legende, das kleinste Städtchen Englands sein. Es zählt keine 3000 Einwohner und liegt zweihundert Kilometer südwestlich von London, eingebettet in sanfte Hügel und Schafweiden. Immerhin verfügt das ehemalige Klosterdorf über eine mächtige Kathedrale. Es gibt eine Apotheke, einen Dorfpolizisten und eine umgebaute Kapelle, wo köstliches Rosmarinbrot gebacken wird.
In Somerset hat sich der Schweizer Galerist Iwan Wirth mit seiner Familie häuslich niedergelassen und aus einem abbruchreifen Bauerngehöft eine Oase der Kunst, der Kunstvermittlung, des Bioanbaus und der Architektur geschaffen: die Durslade Farm. Später kam eine verlassene Mühle im Städtchen dazu, die vorerst von Pipilotti Rist während eines Sabbaticals genutzt wurde. «Da hauste zuletzt ein Sargbauer», erinnert sich die Videokünstlerin an ihre Aufräumaktionen. Sie habe in England aber nicht wirklich gearbeitet, sondern vielmehr eine Normalität gelebt, von der sie schon immer träumte. Salat angepflanzt oder mit ihrem Sohn auf einer Müllhalde Gläser zusammengesucht. So entstand beiläufig Kunst: Ein stimmiger Leuchter aus Altglas ziert seither das im Shabby Chic renovierte Gästehaus der Farm.
Später reisten Guillermo Kuitca und Turner-Prize-Träger Mark Wallinger als Artists in Residence an. Parallel dazu werden in der umgebauten Scheune hauseigene Künstler präsentiert - gegenwärtig Jenny Holzer mit ihren berühmten Wortkaskaden.
Auf Somerset pflegt man das Understatement, und doch waren hier augenscheinlich Profis am Werk: Dem argentinischen Architekten Luis Laplace vertraute man den Umbau der Farm an. Landschaftsarchitekt Piet Oudolf - Gestalter der New Yorker High Line - pflanzte ein artenreiches Blumenfeld an. Der dahinterliegende, wie ein futuristisches Ei anmutende Pavillon, den Smiljan Radić ursprünglich für die Serpentine Gallery gebaut hat, gewährt einen Blick auf die Landschaft, als wärs Arkadien: Schafe, Wiesen und Kumuluswolken. Kunst und Alltag spiegeln sich in Dan Grahams S-Kurve unter freiem Himmel. Duftende Gewürzbeete, eine Sitzbank von Louise Bourgeois und ein perspektivisch verzerrtes Zifferblatt von Anri Sala geben plötzlich Zeitlupentempo vor. Und die Dieter-Roth-Bar ist nicht nur künstlerisch, sondern auch kulinarisch ein Renner. Allein im Eröffnungsjahr besuchten 125'000 Personen die Durslade Farm: Biofreaks, Kunstaffine, Blumenfreunde, Gourmets, Architekturliebhaber, Schüler. Ein Ort für alle und doch kein Mainstream.

Bis: 01.11.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Radic Pavilion [21.03.15-31.12.15]
Institutionen Hauser & Wirth Somerset [Bruton/Grossbritannien]
Autor/in Feli Schindler
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