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Besprechung
10.2015


Alice Henkes :  Das Kunstmuseum Thun hat sich Grosses vorgenommen. Mit ‹Der Kontinent Morgenthaler. Eine Künstlerfamilie und ihr Freundeskreis› schlägt das Haus ein weitverzweigtes Kapitel Zeit-, Kunst- und Familiengeschichte auf. Das Museum bietet dafür einen überaus stimmigen Rahmen.


Thun : Der Kontinent Morgenthaler - Ein weitgefasstes Zeitpanorama


  
links: Ernst Morgenthaler · Paradies-Triptychon, Mittelteil, 1959, Tempera auf Leinwand, 200x200 cm, Nachlass Morgenthaler Thun. Foto: Christian Helmle
rechts: Sasha Morgenthaler · Schaufensterpuppe, o.D., Puppe, ca 110 cm hoch, Nachlass Morgenthaler Thun. Foto: Christian Helmle


Das Ambiente ist perfekt. Die Schau, die an die Künstler- und Gelehrtenfamilie Morgenthaler und ihre illustren Freund/innen erinnert, fügt sich ideal in die Räume des einstigen Grandhotels am Thunersee. Man wünscht sich beinahe, es stünden dort noch ein Fauteuil oder eine Kommode aus morgenthalerschem Haus.
Dabei ist die Schau schon wunderlich genug für ein Museum, das sich vorrangig der Gegenwartskunst verpflichtet hat. Sie beginnt mit einer Ahnentafel, die Auskunft gibt über die aus dem Emmental stammende, weit verzweigte Familie Morgenthaler. Die zentralen Figuren für die Ausstellung sind Ernst Morgenthaler (1887-1962), der bis in die Sechzigerjahre hinein zu den wichtigsten figurativen Malern der Schweiz zählte und dessen Werke sich heute zum Teil in der Sammlung des Kunstmuseums Thun befinden, sowie seine Frau Sasha Morgenthaler von Sinner (1893-1975), die sich mit ihren Sasha-Puppen einen Namen machte. Neben diesen beiden Zentralgestirnen lässt die Schau zahlreiche Nebenfiguren aufleuchten. So sind nicht nur Gemälde Ernst Morgenthalers zu sehen, sondern auch solche von Lehrern und Freunden wie Cuno Amiet, in dessen Atelier sich Ernst und Sasha kennenlernten, Fritz Pauli, Hermann Hubacher. Sasha-Puppen werden umrahmt von Paul Klees Handpuppen und Marionetten nach Entwürfen von Sophie Täuber-Arp. Da wird ein ganzes Zeitpanorama aufgefaltet, und je weiter es geht, von Saal zu Saal, umso mehr verästelt sich die Schau. Fotos, Briefe, Postkarten geben Auskunft über das Morgenthaler-Netzwerk, das mit vielen klingenden Namen und wichtigen Ereignissen verbunden ist. Ernst Morgenthalers Bruder Walter betreute als Psychiater Adolf Wölfli in der Waldau und legte 1921 mit ‹Ein Geisteskranker als Künstler› dessen erste wegweisende Monografie vor. Hermann Hesse und Robert Walser waren mit der Familie bekannt. Sie alle sind vertreten in dieser Schau, die von der Leiterin des Kunstmuseums Helen Hirsch und dem französischen Künstler Pascal Barbe eingerichtet wurde.
Mit warmtonigen Wänden und anheimelnd altmodisch wirkenden Vitrinen vermittelt die Schau etwas Wohnliches, das ihr einen intimen Charakter gibt. Deutlich spürbar ist die Faszination der Kurator/innen für die ungewöhnliche Familiengeschichte, die sie bis in die Gegenwart hinein verfolgen und dokumentieren. In ihrer ganzen Fülle fassbar wird diese Familiengeschichte, die zugleich ein Stück Schweizer Kulturgeschichte ist, allerdings erst mit der Lektüre des Katalogs.

Bis: 22.11.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Der Kontinent Morgenthaler [05.09.15-22.11.15]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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