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Besprechung
10.2015


Daniel Morgenthaler :  Seine an der Biennale Venedig erstmals gezeigte ‹Clock›, eine 24-stündige Filmarbeit in Realzeit, in der Uhren die Hauptrolle spielen, erhielt grosse Aufmerksamkeit. Nun wird der US-Schweizer Christian Marclay im Aargauer Kunsthaus laut. Allerdings nur mittels geschriebener Worte.


Aarau : Christian Marclay - Der Lautmaler


  
Christian Marclay · Actions: Plish Plip Plap Plop (No. 3), 2013, Silkscreen ink on acrylic paint on canvas, 124,5x88,9 cm, Courtesy Paula Cooper Gallery, New York. Foto: Will Lytch


Christian Marclay (*1955) ist kein Pop-Künstler, nein. Er ist ein Plop-, Shlup- oder Swup-Künstler. Plop, Shlup und Swup sind nur drei von unzähligen Lautmalereien, die der in Kalifornien geborene, in Genf aufgewachsene Künstler aus Comics entlehnt und in unterschiedlichster Form in seine Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus eingebracht hat: als Collage, als Siebdruck auf bemalter Leinwand oder als Originalcomicseite, auf welcher der Umraum der Lautmalerei abgedunkelt wurde. Die ‹Action›, wie die Ausstellung heisst, ist hier - überraschend für diesen Sound-Künstler - nicht überlaut hörbar, sondern ohrenbetäubend lesbar. Pop steht dann natürlich auch irgendwo unter den Lautmalereien auf der meterlangen ‹Manga Scroll› von 2010, die auch als Partitur einer Gesangsperformance dient - und Pop tönt auch als Kunstrichtung mit, etwa mit Roy Lichtenstein als Referenz. Gleichzeitig stellt Marclay im Ausstellungskatalog Atelieraufnahmen von Jackson Pollock nach, die dann wieder in Werken resultieren, auf denen auf einem Klecks Farbe «Shlup» steht. Die Überdosierung von Farbe und Comic-Lautmalerei gerät in der Videoinstallation ‹Surround Sounds›, 2014-2015, zum stummen Terror. Hier wird das Lautmalerische der Comic-Ausdrücke verfilmt: Das Wort «Pop» poppt auf, das Wort «Tic» wandert, wie der Zeiger einer tickenden Uhr die Wand entlang - und verweist auf Marclays bekanntestes Werk, ‹The Clock› von 2010. Die filmische Umsetzung formuliert die gedruckten Lautmalereien weiter aus, ohne ihnen aber neuen Sound einzuhauchen.
Hier stellt sich denn auch die Frage, ob es sich für den Tonkünstler Marclay auszahlt, mit viel Risiko auf lautlose Lautmalerei zu setzen. Zumal eine andere Arbeit noch einen ganz anderen Fundus öffnet: ‹Mixed Reviews›, 1999-2015, samplet Zitate aus Rezensionen von Konzerten oder Platten aneinander, die dann als eine Zeile entlang der Wand des Ausstellungssaals laufen. In diesen Versuchen, Musik in Worte zu fassen, zeigt sich eine Wahnsinnslust an der Metapher, von der sich die Kunstschreiberei eine Scheibe abschneiden könnte: «...wie ein Riesenlaster, der in strömendem Regen ins Schleudern gerät und in eine Viehherde hinein donnert», steht da etwa. Von dieser Lust könnte auch Marclay weiter profitieren.

Bis: 15.11.2015


Künstlergespräch mit Christian Marclay, Performances mit Shelley Hirsch und Slideshow, 24.10., 15 -18 Uhr



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Kyra Tabea Balderer, Christian Marclay [30.08.15-15.11.15]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Christian Marclay
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