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Besprechung
10.2015


Verena Doerfler :  Auf Grundlage detaillierter Recherchen und in Kombination von dokumentarischem mit inszeniertem Material erkundet die pakistanisch-amerikanische Künstlerin Maryam Jafri derzeit in der Kunsthalle Basel unser gegenwärtiges Verhältnis zu Kommerz, Konsum und omnipräsenten Vermarktungsstrategien.


Basel : Maryam Jafri - Auf dem (Jahr-)Markt der Begehrlichkeiten


  
links: Maryam Jafri · Installationsansicht Generic Corner, Blick auf Generic Beer Cans, 2015, 2 Bierdosen; je 12,5 cmx6,5 cm, Kunsthalle Basel, 2015. Foto: Philipp Hänger
rechts: Maryam Jafri · Installationsansicht Generic Corner, Blick auf Product Recall: An Index of Innovation, 2014-2015, Kunsthalle Basel, 2015. Foto: Philipp Hänger


Traum eines entspannten Supermarktbesuchs: In wenigen Regalmetern reihen sich schlichte, weisse Päckchen und Dosen. Nur sparsam eingesetzte, schwarze Lettern auf weissem Hintergrund geben Auskunft über den Inhalt der Verpackungen. Keine wortgewaltige Werbung, keine konkurrenzvernichtenden Angebote - keine Qual der Wahl, kein mühsamer Preisvergleich. Zucker ist Zucker, Kaffee ist Kaffee und Cornflakes sind Cornflakes. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Was wie der äusserst gelungene, weil unserem heutigen ästhetischen Avantgarde-Geschmack vollkommen entsprechende Marketing-Coup hochbegabter Werbestrategen wirkt, ist allerdings nicht (mehr) Lebensmittel, sondern nur mehr - mindestens ebenso ästhetisierender - Kunstgegenstand. ‹Generic Corner›, 2015, ist titelgebender Teil der ersten Schweizer Einzelausstellung der Künstlerin Maryam Jafri. Gezeigt werden die amerikanischen Vorläufer hiesiger ‹Budget›-Produkte für den kleinen Geldbeutel. Der entscheidende Unterschied: Das grafisch minimalistisch gestaltete ‹Beer› aus den Siebzigern wäre heute vermutlich eher im Hochpreissegment des Einzelhandels einzuordnen. Rein ästhetisch betrachtet.
In der vier Werkreihen und zwei Videoarbeiten umfassenden, mit Recherche-Material ebenso wie mit inszenierten Elementen arbeitenden Ausstellung verhandelt Jafri in stringenter Weise die, wie es im Begleittext so schön heisst, «Warenwerdung unseres täglichen Lebens im Kapitalismus». Dabei geht es nicht nur um die Generierung von Begehrlichkeiten im ‹Food›-Bereich. Mit ‹Schools/Hospitals/Prisons›, 2012, wirft Jafri einen voyeuristisch angehauchten Blick auf die Disziplinar-Kulissen klassischer SM-Interieurs, die - vormals ins Private verbannt - heute einer gekonnten Vermarktung sexueller Neigungen dienen. ‹Product Recall: An Index of Innovation›, 2014-2015, präsentiert Produkte, die teils absurd anmutende Konsumwünsche wecken sollten, allerdings bald wieder vom Markt genommen werden mussten: wie das mit Speed versetzte, nach Schokolade schmeckende ‹Candy› zum Abnehmen, das in den späten Siebzigern vor allem Frauen auf den Haushaltstrip der besonderen Art gebracht haben soll. Im Video ‹Mouthfeel›, 2014, dann fällt der Schlüsselsatz, wenn eine in der Produktentwicklung tätige (von der Künstlerin selbst gespielte) Frau ihrem skrupellos agierenden, im PR-Wesen tätigen Ehemann resigniert-resümierend erklärt: «Dein Marketing gibt mir ein Rätsel auf, ich löse es.»

Bis: 01.11.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Maryam Jafri [28.08.15-01.11.15]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Verena Doerfler
Künstler/in Maryam Jafri
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