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Besprechung
10.2015


Alice Henkes :  Die international erfolgreiche Performance-Künstlerin Victorine Müller zeigt in ihrer ersten Ausstellung in der Galerie da Mihi in Bern Zeichnungen und Objekte. In diesen kleinformatigen ­Arbeiten fokussiert die Künstlerin besonders stark die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier.


Bern : Victorine Müller - Zwitterwesen, bizarr, erschreckend und schön


  
Victorine Müller · Le moment végétatif, Performance, Kongresszentrum Basel, 2013. Foto: Karin Martin


In ihren Performances ist Victorine Müller (*1961, Grenchen) anwesend und entrückt zugleich. Sie steht oder sitzt in Figuren aus transparenter Folie, die an tierisches, pflanzliches oder auch menschliches Leben erinnern. Eine ihrer bekanntesten Arbeiten ist ‹Timeline›, 2005. Dafür schuf die in Zürich lebende Künstlerin einen transparenten Elefanten, in dessen fragilem Leib sie während ihrer Performances sass wie eine Zeremonienmeisterin, eine Fruchtbarkeitsgöttin, eine Fee, die über das Werden und Vergehen wacht.
Die Verbundenheit mit allem Kreatürlichen, das Staunen vor dem Zauber des Lebens, aber auch das Erkunden der Verwandtschaft von Mensch und Tier sind Komponenten, die sich durch das gesamte Schaffen der Künstlerin ziehen. Das zeigt auch eine Reihe kleiner Objekte und Zeichnungen, die unter dem Titel ‹The Vale› in Bern in der Galerie da Mihi zu sehen sind. Diese aktuellen Arbeiten sind nicht so spektakulär wie ihre überlebensgrossen Folien-Figuren, doch fokussieren sie deutlicher das Thema Müllers, die enge Beziehung zwischen verschiedenen Lebensformen.
Der Name der Ausstellung ‹The Vale› bezeichnet ein kleines Tal. Er entspricht dem deutschen «Jammertal» und benannte im Mittelalter auch einen mystischen Ort, an dem seltsame Wesen, weder Mensch noch Tier, zuhause sind. In Müllers Kohlezeichnungen sehen diese Vale-Wesen aus wie Menschen, die Tiere umklammert halten oder wie Tiere, die sich halb in Menschen verwandelt haben: bizarr, erschreckend und schön zugleich. Oft nur mit wenigen Linien angedeutet, wirken diese Wesen innig ineinander verschlungen, vielleicht aber auch einander verschlingend. Sie verweisen auf mythologische Vorstellungen von der Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier und zudem auf neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse, welche die Einzigartigkeit des Menschen immer mehr in Frage stellen. Zugleich haben sie etwas Flüchtiges an sich, sie scheinen sich im weissen Grund des Papiers aufzulösen. Dieses Fragile steckt auch in den Objekten Müllers, die aus hellen, weisslichen Textilien angefertigt sind. Deutlich sichtbare Nähte unterstreichen den Eindruck von Zerbrechlichkeit der Mensch-Tier-Wesen, gleichzeitig hat das textile Material etwas Verhüllendes, Rätselhaftes. Der Verschmelzungsprozess, der bei den Performances gut beleuchtet dargestellt wird, geschieht hier möglicherweise im Verborgenen.

Bis: 14.11.2015


‹Victorine Müller. A Moment in Time›, (Hg.) Dolores Denaro, Verlag für Moderne Kunst, 2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Victorine Müller [10.09.15-14.11.15]
Institutionen Galerie da Mihi/KunstKeller [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Victorine Müller
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