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10.2015




Berlin : Fritz Balthaus


von: Miriam Wiesel

  
links: Fritz Balthaus · Brunnen, 2015 ©ProLitteris. Foto: Friedhelm Hoffmann
rechts: Fritz Balthaus · More, 2015 ©ProLitteris. Foto: Friedhelm Hoffmann


Eine Perle im mit guter Architektur nicht eben reichlich gesegneten Berlin ist die von Werner Düttmann 1960 errichtete Akademie der Künste am Hanseatenweg, die sich geschmeidig ins Ensemble der IBA im Hansaviertel fügt. Davor befindet sich eine Skulptur des britischen Bildhauers Henry Moore, ‹Die Liegende›, aus dem Jahr 1956. Ein Ensemble, das unlängst einer anvisierten Einschränkung der Panoramafreiheit zum Schutz von Kunsturheberrechten auch im öffentlichen Raum hierzulande entgangen ist.
Fritz Balthaus (*1952) begeht nun das Sakrileg, diese Skulptur (um)zunutzen: An ihrem aufgestellten Bein hängt ein Schloss, und an jedem Tag der Ausstellung ist ein Mitarbeiter der Akademie aufgefordert, hier sein Fahrrad abzustellen. Dafür fällt der Skulptur ein O aus der Krone, temporär heisst sie ‹More›. Ähnlich subtil sind die anderen Eingriffe, die Balthaus auf seinem hintersinnigen Parcours durch die Akademie am und im Gebäude hinterlässt. Sei es ein in die Ecke gestellter Streugutbehälter, ‹Winterdienst›, der sich in der Aussenverglasung spiegelt, nur um im Inneren realiter ein zweites Mal aufzutauchen, sei es die zufällig offen gelassene Tür zum Sammlungsdepot, daneben, hinter einem Pfeiler verborgen, das aus Transportbändern geschaffene Werk ‹Reisekonstruktivismus›: jederzeit abholbereit. Unter der frei tragenden Treppe läuft ein Film, den der Künstler 2003 gedreht hat: Er zeigt, wie eine Skulptur per Lift ins Depot des Albertinums Dresden verfrachtet wird. Die Skulptur selbst ist als Negativ des durch die Liftmasse vorgegebenen Raums und Transportwegs haargenau eingepasst, was das Manöver möglich, aber nicht eben einfach macht; das hinterlassene Artefakt steht im Atrium daneben.
Ein von François Morellet inspiriertes Werk, ‹Nest›, verbirgt sich zwischen Bambusgräsern auf der Terrasse. Ob, wie bei Morellet, in dem Gitterkörper aus Stahl eines Tages Vögel nisten, mag bezweifelt werden. Einer kürzeren Überprüfungszeit ist der ‹Brunnen› ausgesetzt: der rinnende Wasserhahn am Tresen einer Bar. Ist das Kunst oder kann man das zudrehen? Auch diese minimale Intervention ist subversiv, denn die Vergeudung von Wasser, selbst wenn sie vom Budget gedeckt wird, ruft Reflexe wach, die sich nicht unter Kunst verbuchen lassen.

Bis: 25.10.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Fritz Balthaus [03.09.15-25.10.15]
Institutionen Akademie der Künste [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Fritz Balthaus
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