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10.2015




Lausanne : Marius Borgeaud


von: Katharina Holderegger Rossier

  
Marius Borgeaud · La chambre blanche, 1924, Öl auf Leinen, 54x65 cm. Foto: J. D. Roullier


Ein Fenster im Gemälde gibt den Blick frei auf einen in feinem Lila strahlenden Morgenhimmel und einen in bleichem Grün leuchtenden Wiesenhang, hinter dem ein Granithaus und ein Leuchtturm hervorlugen. Im flächig umrissenen Mansardenzimmer davor ist kein Mensch. Dennoch erzählt die zum Publikum gekippte Frühstückstafel vom stillen Glück eines Paars. Während der Kaffee durchläuft, scheinen die beiden kurz vor die Türe getreten zu sein, vielleicht zur Verabschiedung anderer Gäste der bretonischen Pension. Er hat seinen Hut und Stock salopp liegenlassen, sie schnell das Arrangement der Maiglöckchen hinter die Milchkanne gestellt. Hier könnte sich sogar ein Festtag der kleinbürgerlichen Gäste ereignet haben, mit denen der Maler dieses so spröden wie atemberaubend sensiblen Interieurs sichtlich sympathisierte. Oft betonte der in Lausanne geborene Marius Borgeaud (1861-1924), wie sehr ihn die redliche Existenz befriedige, die er nach dem Verzehr des väterlichen Erbes als Vierzigjähriger in der Malerei gefunden habe. Und wenige Wochen nach jenem feierlichen Maimorgen, an dem er 1923 seine Muse Mado ehelichte, sollte es der sozialistisch-libertäre Kunstkritiker Adolphe Tabarant sein, der die Grabrede hielt.
‹La chambre blanche› ist Nummer 295 des 1993 angefangenen und nun mit der Nummer 326 abgeschlossenen Werkverzeichnises. Das Bild ist zugleich der krönende Abschluss der bislang umfangreichsten Retrospektive. Aufgrund seines Verbots, seine Arbeiten zwanzig Jahre lang postum nicht auszustellen, wurde der in Paris stets als Avantgardist gefeierte Künstler erst ab 1942 in der Schweiz zögerlich wiederentdeckt, nicht ohne lange quasi als Repräsentant der damals konzipierten Gattung des Art-Brut-Künstlers verkannt zu werden.
Durch die Recherchen von J. D. Rouillers, Her­ausgeber des Werkverzeichnisses, und Philippe Kaenel, Kurator der Retrospektive, hat Borgeaud dieses Jahr jedoch zweifellos den ihm gebührenden Platz als aufmerksamer, methodischer, unterschwellig sogar politischer Maler definitiv wiedererlangt. Die Ausstellung in der Fondation L'Hermitage, so grandios sie ist, hätte, zumal sie an und für sich grosszügig Vergleichsmaterial berücksichtigt, seine eigenständige Zwischenposition innerhalb der Avantgarde allerdings noch etwas globaler aufrollen können. Obschon der ursprüngliche Postimpressionist in seiner um 1908 gefundenen Sprache Vallotton und Rousseau nahekommt und von seiner Sammlung populärer Druckgrafik Anregung bezieht, finden sich in seinen flächigen, oft entweder betont grellen oder stumpfen Farben auch Antworten auf die Fauvisten, in seinen zwar simultanen, aber stets ineinanderfliessenden Perspektiven auch Echos auf die Kubisten. Und nicht zuletzt ist im Werk Borgeauds irgendwo das derbe Gelächter seines 18 Jahre jüngeren Akademiefreunds Picabia zu hören!

Bis: 25.10.2015


mit gleichnamiger Publikation, Philippe Kaenel (Hg.), Fond. de l'Hermitage und La Bibliothèque des Arts; ‹Marius Borgeaud: Une fantastique aventure›, J.D. Rouiller (Hg.), L'âge de l'homme



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Marius Borgeaud [26.06.15-25.10.15]
Institutionen Fondation de l'Hermitage [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Marius Borgeaud
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