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10.2015




Milano : Arts & Foods


von: Ruth Händler

  
D. Oppenheim · Sleeping Dogs, 1997, Genova; (rechts) U. Fischer, Bread House (links) A. Gursky, 99 Cent II, 2000, Andreas Gursky, Duesseldorf. Foto: Attilio Maranzano


Der einzige Pavillon, der im Zentrum von Mailand, nicht draussen auf dem Messe-Gelände, zur Expo und ihrem Motto ‹Den Planeten ernähren, Energie für das Leben› eingerichtet wurde, gilt der Kunst. Schliesslich haben, vom Abendmahl über Stillleben bis zur Inszenierung der existenziellen Säufer-Einsamkeit in Bar und Diner, auch die Künstler über die Jahrhunderte hinweg Essen und Trinken zu ihrem Motiv gemacht. Vor dem innerstädtischen Ausstellungsort, der Triennale Milano im Parco Sempione, muss man keine Warteschlangen, kein Gedränge fürchten. Aber abends (bis 23 Uhr) mit dem Expo-Ticket noch kurz und mit letzter Konzentration an der Kunst nippen und kosten  - geht eigentlich gar nicht. Mit einem reichhaltigen Budget, das die Kollegen vor Wut schäumen liess, hat Kurator Germano Celant nicht gekleckert, sondern geklotzt. Mehr als 2000 Exponate auf 7000 Quadratmetern - das nährt und zehrt und braucht Zeit.
Celants Schau setzt ein mit dem Jahr 1851 - dem historischen Datum der ersten Weltausstellung im Londoner Hyde Park. Man freut sich über wunderbare impressionistische Picknicks, über expressive Jagd-Stillleben, über die feinsinnige Einrichtung eines parallel zu den Ausstellungsräumen laufenden Kinderparcours mit Extra-Exponaten und niedrigem, für die Erwachsenen verbotenem Eingang, über Vitrinen, gefüllt mit historischen Esswerkzeugen und Inszenierungen von Metzgerläden, von Bars und schliesslich privaten Esszimmern, diese im Jugendstil oder inspiriert vom Geist des Kubismus.
Später wird man bei den Raum-Stationen, die zu den Höhepunkten der Ausstellung zählen, auch auf eine Ecke des Restaurants von Daniel Spoerri aus dem Jahr 1969 treffen. Selbst ganze Häuser wie Jean Prouvés ‹Maison des Jours Meilleurs›, 1956 entworfen als schnell aufbaubare Zweckarchitektur für Obdachlose, oder Urs Fischers Hütte aus bröselndem Brot, 2004-2006, sind der Ausstellung einverleibt.
Celants besonderes Verdienst ist, dass die nach den ganz dichten Anfängen etwas luftigeren Abschnitte der Schau ab den fünfziger Jahren zweigleisig funktionieren: Für Ausländer sind die Design-Objekte aus den norditalienischen Produktschmieden der Nachkriegszeit einfach so schön wie Skulpturen der fünfziger und sechziger Jahre. Für Italiener sind die brillanten Pavoni-Maschinen, die Brionvega-Fernseher, aber auch die fliessenden Ken-Scott-Gewänder mit ihren saftigen Früchte-Designs, die hier zu Recht ausgiebig zelebriert werden, Teil der kollektiven Erinnerung.
Auch die Zielgerade der erschöpfenden Ausstellung, die in grossen Partien wie ein Namedropping aus jedem besseren Museum der Gegenwartskunst anmutet, bietet berührende Höhepunkte: etwa Ron Muecks hyper­realistische Figur ‹Woman with Shopping› oder die fotografischen Einblicke in die amerikanische Lebensmittel-Grossindustrie von George Steinmetz.
Keine perfekte Kuratoren-Leistung. Aber eine Ausstellung, die am Ende, vor Maurizio Cattelans melancholisch-ironischem runden Wollteppich - inspiriert vom Käselabel ‹Il Bel Paese› - ihre Besuchenden fix und fertig, doch auch etwas glücklich entlässt.

Bis: 01.11.2015



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Ausgabe 10  2015
Autor/in Ruth Händler
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