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10.2015




Neuenburg : ‹Hospice de Mille-Cuisses›


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Philippe Därendinger und Guy Meldern · Extra Sun (Sleep Inn), 2015. Foto: A. Satus
rechts: Gebrüder Chapuisat · Les Thermes, 2015. Foto: A. Satus


Ist die zeitgenössische Kunst so alt und krank geworden, dass sie in ein Hospiz gehört? Stellt sie nur mehr einen der Auswüchse oder der Versteinerungen unserer Zeit dar? Das Centre d'art Neuchâtel stellt anlässlich seines 20. Geburtstags in einem Festival in den alten, vorstädtischen Schlachthöfen von Serrière Fragen zum Kunstsystem, obschon, selbst gerade erst der Jugend entwachsen, es kaum Gefahr läuft, senil zu werden. Mit den horizontalen Organisationsstrukturen und den experimentellen Ausstellungsformaten, die es nach 2007 adoptiert hatte, trägt es vielmehr dazu bei, dass der revolutionäre Geist der Pionierjahre der zeitgenössischen Kunst um 1968 lebendig bleibt. Das Team, zu dem heute der frühere Sanskritstudent und Entwicklungshelfer Arthur de Pury, der Künstler Martin Widmer, die Kunsthistorikerinnen Marie Villemin und Marie Léa Zwahlen und der Techniker Julian Thompson gehören, stellt ebenso regelmäs­sig die internen Strukturen auf die Probe, wie es auch die Auseinandersetzung mit den Künstler/innen, den Besuchenden sowie der Gesellschaft generell stets neu sucht. So hat die Equipe des CAN nebst ihrem Quartier in der Altstadt auch schon eine französische Tropfsteinhöhle bespielt oder sich mit Wagen und Zelten nach Prag aufgemacht. Für das hundert Ausstellungen und Veranstaltungen umfassende Festival unter dem Namen ‹Hospice de Mille-Cuisses› gehen die Organisatoren nun von Bataille aus und versuchen die sich reziprok bedingenden und demaskierenden Gegensätze der visionären Museumswelt und des blutigen Universums der suburbanen Metzgereien läuternd miteinander zu verschränken.
Zwischen den zerfliessenden Schaumstoffsäulen von Tarik Hayward, die dieses also letztlich sakrale Geschehen rechteckig umstehen, ist hier ein berauschendes Eintauchen in plastische, performative, musikalische und selbst hypnotische Heilungserfahrungen möglich. Alles beginnt fast klassisch: Empfang, Sprechzimmer, Apotheke mit Editionen, Kuratoren­kabinett mit verulkter Bürokunst, Therapieraum mit eingegipstem Mobiliar. Doch spätestens zwischen den im faulig riechenden ‹Institut der neuen Allianz Tier-Mensch/INA› versprengten Werken von Lupo Borgonovo, Gyan Pancha und Flavio Merlo verliert man definitiv die alten Orientierungspunkte - um neue zu finden, genauso wie in der Mühle von Dejode & Lacombe, in der man die Indianermuster nur sehen kann, wenn man sich darin in Schwindel versetzen lässt. Aber keine Angst! Auch für Erholung und Stärkung ist gesorgt. Es gibt zwei Schlafsäle, draussen Wurst und Bier. Und vielleicht kann man in dem indes nur selektiv geöffneten Swimming Pool über dem Labyrinth der Gebrüder Chapuisat dank pulverisierten Reishipilzen aus deren eigener Zucht das ewige Leben gewinnen.

Bis: 03.10.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Hospice des Mille-Cuisses [22.08.15-03.10.15]
Institutionen CAN Centre d'Art [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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