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Hinweis
10.2015




Paris : Henry Darger


von: J. Emil Sennewald

  
Henry Darger · à la seconde bataille de McHollester Run elles sont persuivies [sic]. C'est une zone tropicale. Pour une raison inconnue les arbres sont morts. Kohlepapier, Bleistift, Aquarell, Gouache auf Papier, 48,6x120,6 cm, ©ProLitteris, Courtesy Eric Emo/Musée d'Art Moderne/Roger-Viollet


Henry Darger, 1973 in Chicago 81-jährig verstorben, gehört zu den mythischen Figuren der Kunstgeschichte. Ende der Achtziger entdeckt, dann rasch in die Art-Brut-Schublade gepackt, liess die Gegenwartskunst sein Schicksal emblematisch werden. Ziemlich genau vor zehn Jahren zeigte Paul Chan im rustikalen Couvent des Cordeliers ein animiertes Video, für das er Darger-Bilder verwendete. Szenerien zwischen Gewalt, Schönheit und Verzweiflung. Ein Lebensroman. Zu Unrecht ins «Heim für schwachsinnige Kinder» gesteckt, geflohen, einsam, kehrt Darger Jahrzehnte in katholischen Krankenhäusern den Boden, um abends in seiner Kemenate heimlich an einem unendlichen Konvolut von Bildern und Text zu arbeiten. Eine «kleine Literatur» im Sinne Kafkas: Die oft beidseitig aufgebrachten Zeichenblätter mit Textfragmenten entziehen sich Literatur- oder Kunstgeschichte. Bild- wie Schriftwerk verrücken visuelle wie symbolische Sprache. Sie verbinden das Individuelle mit dem unmittelbar Politischen. Darger verkörpert für viele, was die Disziplinierung der Gesellschaft am Einzelnen anrichtet. Die Band ‹The Vivian Girls› nennt sich nach den Heldinnen seines 15'145-Seiten-Romans, die Brüder Chapman lassen sich von den schaurig-schönen Bildern inspirieren, ebenso wie Mark Danielewski in Bezug auf seinen nichtlinearen Kultroman ‹House of Leaves›. Anders als bei «Outsidern» wie van Gogh oder Robert Walser wird mehr Dargers Leben als sein Werk betrachtet. Zwar machten die Berliner Kunstwerke 2001 oder die Pariser Maison Rouge 2006 dessen künstlerische Bedeutung in Europa bekannt. Doch er bleibt Outsider, Jessica Yus Dokumentarfilm ‹In the Realms of the Unreal›, 2004, erlaubt sich sogar die Animation seiner Zeichenfiguren. Man stelle sich vor, in einer Dokumentation über Goya wackelten dessen Erhängte lustig mit dem Kopf. Damit könnte jetzt Schluss sein. Man könnte die ‹Blengins›, gutartige Schlangen-Geschöpfe, die in seinen Bilderzählungen den Verfolgten helfen, mit Aby Warburgs Nachleben des Schlangenrituals in Verbindung bringen oder Dargers Text-Bild-Fluss als Frühgestalt nichtlinearer Erzählformen digitaler Kulturen erkennen. 45 Werke hat die Witwe des Fotografen Nathan Lerner, seines Vermieters, der den Nachlass verwaltete, dem Musée d'art moderne de la Ville de Paris geschenkt. Anlass für eine systematische Ausstellung mit ausgezeichnet dokumentiertem Katalog. Im Kernstück, der Collage ‹The Battle of Calverhine›, hat er zwischen 1920 und 1930 in vielen Schichten übereinandergelegt, was ihn bewegt: Soldaten, Generäle, immer wieder Feuer und Explosionen, transsexuelle Mädchen in Gärten, auf Schlachtfeldern und an Galgen, eine vielstimmige, flächige Erzählung, die weit übers Einzelschicksal hinausführt.

Bis: 11.10.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Henry Darger [29.05.15-11.10.15]
Institutionen Musée d’Art moderne de la Ville de Paris [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Henry Darger
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