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10.2015




Winterthur : Roman Vishniac


von: Claudia Jolles

  
Roman Vishniac · Sara in ihrer Kellerwohnung, Warschauer Ghetto, 1939 ©Mara Vishniac Kohn/International Center of Photography


Leiden lässt sich kaum quantifizieren. Stirbt eine Person, so bedeutet dies für ihre Nächsten oft die ganze Welt. Und doch erreichen uns die Nachrichten über Unglücksfälle meist in Form von Zahlen und Statistiken. Wir zählen die Toten und versuchen so, die Tragweite eines Unglücks zu ermessen.
Der jüdisch-russische Fotograf Roman Vishniac (*1897-1990) zog im Auftrag eines jüdischen Hilfsvereins in den Dreissigerjahren los, um das Leben in osteuropäischen Ghettos und jüdischen Gemeinden zu dokumentieren. Mit seinen Bildern wollte er die Weltöffentlichkeit aufrütteln. Ihm ging es um das Einzelschicksal, um die Beziehungen der Menschen untereinander sowie die Kultur, die sie verband und die akut bedroht war. Mit seiner Kamera stieg er in russgeschwärzte Küchen und Keller, in denen ganze Familien hausten. Er streifte durch enge Strassen, in ­denen ärmliche Gestalten ihre spärlichen Waren anboten. Oder folgte Lastenträgern, die unter ihren Lasten fast verschwanden, weil Pferd und Karren fehlten. Seine Bilder und seine später dazu formulierten Texte führen uns ganz nah an die fotografierten Menschen heran und sind Appelle an die Weltöffentlichkeit. So erfahren wir über ein Mädchen, das eine zerknüllte Bettdecke über die Knie gezogen hat: «Weil das Kellergeschoss nicht beheizt werden konnte, musste Sara den ganzen Winter im Bett verbringen. Die Blumen hatte ihr Vater für sie an die Wand gemalt. Es waren die einzigen Blumen ihrer Kindheit.» Als Vishniac sich nach dem Krieg nochmals in dieser Gegend umsah, waren sowohl die Wohnung wie auch das Mädchen nicht mehr da.
Mit Aufnahmen wie dieser fotografierte Vish­niac gegen den Krieg an und versuchte die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern. Doch auch wenn er das Rad der Geschichte nicht anhalten konnte, so hat sein Plädoyer für Empathie und Menschlichkeit bis heute nichts an Dringlichkeit verloren.
Die Reihe dieser Bilder bricht mit Vishniacs Internierung in Frankreich ab, später, 1941, gelang ihm die Flucht in die USA. In den folgenden Jahren verschrieb er sich der Publikation dieser Aufnahmen, einer mittlerweile verschwunden Welt. Parallel schuf er die bekannten Porträts von Albert Einstein und Marc Chagall sowie Mikrofotografien für die Zeitschrift ‹Life›.
Sehr früh - kurz nach seiner erster umfassenden Einzelausstellung im ICP New York, 1971 - engagierte sich der vormaliger Leiter der Fotostiftung Schweiz, Walter Binder, für Vishniacs Werk. So realisierte er u.a. 1982 eine grosse Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Dank seinen freundschaftlichen Verbindungen kamen über die Jahre mehr als fünfzig Werke des Fotografen in die Fotostiftung - über Schenkungen von Mara Visniac Kohn und Gerda Meyerhof sowie über den Nachlass des Filmemachers Erwin Leiser. Damit verfügt die Stiftung heute über einen der grössten Vishniac-Bestände ausserhalb von Amerika. Die nun für die Coalmine von Katri Burri kuratierte Schau war nur dank der kollegialen und fachlichen Kooperation mit der Fotostiftung möglich. Anlässlich der Eröffnung bezeichnete der Historiker Thomas Maissen die Schau als «Mahnung, dass die Massendemokratisierung im Nationalstaat immer auch eine Homogenisierung ist, die zulasten von Minderheiten geht.» Auch der Bezug zum akutellen Geschehen an den Grenzen und innerhalb Europas liegt auf der Hand.

Bis: 10.10.2015



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Ausgabe 10  2015
Ausstellungen Roman Vishniac [28.08.15-10.10.15]
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Institutionen COALMINE Forum für Dokumentarfotografie [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Roman Vishniac
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