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Editorial
11.2015




Editorial - Eine Welt als Wille und Vorstellung


  
TITELBILD ·Thomas Demand · Daily # 15, 2011, Dye Transfer, gerahmt, 73,5x58,9 cm, Ed. 2/6, ©ProLitteris, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel


Zwei leere Pappbecher in einem Maschendraht. Kein aufregendes Bild. Doch irritierend. Und wir überlegen: Gefunden oder arrangiert?
Thomas Demands Fotografien sind Fallen. Erst beim genaueren Hinsehen zeigen sich die Unstimmigkeiten. Das Gitter ist nicht aus Draht, sondern aus flachen Kartonstreifen geflochten - auch der Pfosten, die Mauer, die Becher sowie der hell leuchtende Hintergrund sind aus Papier. Hier ist ein Szenograf am Werk, dem es nicht um eine tragende, fassbare Welt geht - vielmehr um Oberfläche, um ein virtuoses Spiel mit Täuschung und Realität.
Die Aufnahme hängt im Schaulager in Basel neben anderen merkwürdig sterilen Stillleben: der Fotografie eines übervollen Aschenbechers, eines Hockers oder einer orange leuchtenden Plastikplane. Wie beim eingangs erwähnten ‹Daily # 15› wird hier nicht Realität abgebildet, sondern aus Papier und Karton geschaffen, fotografiert, vergrössert und montiert. Doch dabei fällt gerade das, was das Leben ausmacht, das Unvorhersehbare, Unkontrollierbare, zwischen die Maschen. Was bleibt, ist das geklonte Bild einer Welt als Wille und Vorstellung. Einer Welt, ohne Zeichen von Vergänglichkeit, ohne Schlupflöcher und Perspektiven. Interessant ist der Vergleich mit dem ebenfalls im Schaulager gezeigten gigantischen Ateliertisch aus Polyurethan von Peter Fischli und David Weiss. Auch sie haben in zeitraubender Kleinarbeit eine Parallelwelt geschaffen. Doch während ihr chaotisches Ambiente vor Leben sprüht, tut sich in Demands spiegelnden Fotografien eine saugende Leere auf. Und wir sehnen uns nach einer Person, die ­einen Becher aus dem Zaun reisst, ihn mit Wasser füllt, dieses runterschlürft, rumspritzt und die Fiktion so wieder zu einer überraschungs- und pannenreichen Realität werden lässt.



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Ausgabe 11  2015
Autor/in Claudia Jolles
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