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Fokus
11.2015


 Die Emanuel Hoffmann-Stiftung ist mit gut dreihundert Werken zu Gast im eigenen Haus. Die Auswahl verspricht eine anregende Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis der drei Mäzeninnen Maja Sacher-Stehlin, Vera Oeri und Maja Oeri, die mit ihren Visionen, innovativen Ideen und den nötigen Mitteln die Kunstlandschaft Basel nachhaltig prägen.


Future Present - Plötzlich diese überwältigende Übersicht


von: Daniela Hardmeier

  
links: Jeff Wall · Young Workers, 1978/1983, Grossbilddias in Leuchtkästen, 8 Teile, je 101,5x101,5 cm, Ed. 2+1 AP, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, Ausstellungsansicht. Foto: Tom Bisig
rechts: Ilya Kabakov, Mutter und Sohn · Das Album meiner Mutter, 1993, Installation mit Ton: Holz, Farbe, Glühbirnen, Taschenlampen, Schnüre mit Objekten, Papieretiketten, Bild/Text-Collagen ©ProLitteris


Die forsche und herausfordernde Porträtserie ‹Maja (Maja Sacher-Stehlin)› von Andy Warhol und die in eine ferne Zukunft entrückten Blicke der ‹Young Workers›, 1978/83, von Jeff Wall markieren den Auftakt zur Sammlungspräsentation der Emanuel Hoffmann-Stiftung im Schaulager. Sie bilden aber auch die Eckpfeiler dieser aussergewöhnlichen Sammlung und ihrer Sammlerinnen und stehen für die selbstbewusste Verankerung in der eigenen Zeit und den visionären Blick in die Zukunft. 1933 von Maja Hoffmann-Stehlin (später Sacher-Stehlin) im Andenken an ihren jung verstorbenen Mann gegründet, ist das mäzenatische Wirken der Familie nicht mehr aus dem Basler Kulturleben wegzudenken. Die seit über achtzig Jahren bestehende Tradition des Engagements dieser drei Frauengenerationen sucht zudem weltweit ihresgleichen. Bemerkenswert einfach ist der Zweck der Stiftung abgefasst und auch darum bis heute tragfähig. Gekauft wird zeitgenössische Kunst, gezeigt wird sie im Kunstmuseum und im Museum für Gegenwartskunst in Basel: «Aus dem Stiftungsertrag sind Werke von Künstlern zu kaufen, die sich neuer, in die Zukunft weisender, von der jeweiligen Gegenwart noch nicht allgemein verstandener Ausdrucksmittel bedienen, und zwar ohne Rücksicht auf Nationalität und materielle Lage der Künstler, einzig nach dem Massstab der künstlerischen Qualität.»

Bejahung der Gegenwart
Beim Flanieren durch die ersten Räume begegnen wir allerorts guten Bekannten wie Dalís brennender Giraffe, Delaunays Eiffelturm oder Beuys Schneefall. Was damals verstörend war, gehört heute zu den Klassikern. Selten in dieser Dichte zu sehen ist die Werkgruppe flämischer Expressionisten, die in einer sehr eigenen Mischung von gesteigertem Ausdruck und Farbigkeit und mit beinahe traumhaft-naiv in sich gekehrten Figuren überzeugt. Stille, verträumte, kryptische und auf das Wesen des Menschen bezogene Arbeiten scheinen Maja Sacher zeitlebens fasziniert zu haben. Zu Recht wird Bruce Nauman mit drei Räumen ein gewichtiger Schwerpunkt in der Ausstellung gegeben. Mit Klarheit und Stringenz werden hier essentielle Fragen der menschlichen Bedingtheit präsentiert. Im letzten Teil des Parcours im Erdgeschoss verliert sich die konzentrierte Dichte etwas, viele Strömungen werden angeschnitten, weniges vertieft.
Die Zeit der Achtziger- und Neunzigerjahre ist geprägt von der Präsidentschaft von Vera Oeri, deren demokratische Herangehensweise an die Sammlungstätigkeit ein heterogeneres Gesicht trägt. Deutlich wird hier, dass die Sammlung keinen enzyklopädischen Überblick über die Strömungen des 20. Jahrhunderts geben kann. Vielmehr liegt ihre Stärke in der Anbindung an die Sammlungen von Kunstmuseum und Museum für Gegenwartskunst, deren Bestände sie fundiert ergänzt.
Der Grossteil der Ausstellung ist der Kunst der letzten zwanzig Jahre gewidmet und damit einer Zeitspanne, in der Maja Oeri als Präsidentin der Stiftung amtete. In dieser Zeit wurden die angekauften Werke raumgreifender und komplexer, und so sind die Räume im unteren Stock monografisch eingerichtet. Dies widerspiegelt auch die Sammlungstätigkeit von Maja Oeri, die wie ihre Grossmutter die Ankäufe mehrheitlich selbst bestimmt und sich auf wenige Kunstschaffende konzentriert, diese dafür vertieft begleitet. Zwei Schwerpunkte bilden die festinstallierten Werke von Katharina Fritsch und Robert Gober, die über die Präsentation von weiteren Arbeiten eine Einbettung in das jeweilige Schaffen finden. Fesselnd sind die Videoporträts von Häftlingen und Wachpersonen in Fiona Tans raumfüllender Installation ‹Correction›, 2004. Eindringlich stellt sich hier die Frage, wer wen betrachtet, und was es heisst, gefangen zu sein. In ihrer monografischen Raumfolge spiegelt dieser zweite Teil der Ausstellung die Ausstellungstätigkeit der letzten Jahre im Schaulager mit zeitgenössischen Künstler/innen wie Jeff Wall, Tacita Dean oder Andrea Zittel.

Seltene Einblicke
Um auch aufwändigere Arbeiten zeigen zu können, wurden einzelne Depoträume in den oberen Stockwerken eigens für diese Ausstellung baulich verändert und bieten nun Platz für die Werke von dreizehn weiteren Künstler/innen. Gezeigt werden nicht nur die Ton-Serie von Fischli/Weiss ‹Plötzlich diese Übersicht›, 1981/2000, oder Paul Chans Installation ‹Volumes›, 2012, bestehend aus 1005 Bucheinbänden, auch komplexe Videoinstallationen wie Bill Violas symbolträchtige und suggestive FünfKanal-Projektion ‹Five Angels for the Millenium›, 2001. Hier ist zudem eine der poetischsten und berührendsten Arbeiten der Sammlung zu sehen, Ilya Kabakovs Rauminstallation ‹Mutter und Sohn. Das Album meiner Mutter›, 1993. In diesem dichten, ebenso respektvollen wie schonungslosen Erinnerungsraum kann man sich in der subtil inszenierten Beziehung von Mutter und Sohn und dem Verlust von Illusionen in der rauen Sowjetzeit verlieren.
Aus der über tausend Werke zählenden Sammlung hat die Kuratorin Heidi Naef eine Auswahl von Arbeiten von rund achtzig Kunstschaffenden getroffen. Entstanden ist als Ganzes eine Ausstellung, die absolut sehenswert ist, mit Arbeiten, die erhellen, Rätsel aufgeben, betören und verstören. Mit grosser Sorgfalt und Kenntnis sind die Werke ausgewählt und präsentiert. Mit der chronologisch angeordneten Hängung im ersten Teil und den mehrheitlich mit Einzelpositionen bestückten Räume im Untergeschoss hat man eine Präsentation gewählt, die erprobt und klassisch ist. Hätte man einen Wunsch in dieser ganzen Pracht, man würde an manchen Stellen im unteren Geschoss den Werken gern zumuten, sich an anderen Positionen zu reiben, etwa die unterkühlten Szenerien eines Thomas Demand an der kleinformatigen Malerei einer Elizabeth Peyton. Eine thematische Hängung oder Gegenüberstellungen waren jedoch nie angestrebt, da hierfür die Sammlung zu punktuell sei, wie Heidi Naef erklärt. Und so fordert der Gang von Raum zu Raum ein immer wieder neues sich einfühlen und justieren, was den Betrachtenden einiges abverlangt - sie aber auch mit Entdeckungen und bleibenden Eindrücken belohnt.

Zuversicht auf die Zukunft
Die Schau zeigt auch eindrücklich, was die Hoffmann- und die Laurenz-Stiftung für Basel bedeuten: An Maja Oeri führt kein Weg vorbei. Ein dichtes Netz hat sie mit diesen beiden Stiftungen und ihren diversen Aktivitäten und privaten Schenkungen gewoben. Dabei liefert die Emanuel Hoffmann-Stiftung gewichtige Werke für die öffentlichen Kunstsammlungen. Über die ebenfalls von ihr präsidierte Laurenz Stiftung werden ein Gutteil der Kosten für das Zeigen, Vermitteln, Bewahren und Erforschen dieser Sammlung zur Verfügung gestellt, sei dies mit der Einrichtung des Schaulagers, den grossen monografischen Ausstellungen, der Ausrichtung von Professuren oder über die Schenkung von Mitteln für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums. Hinsichtlich ihrer neuesten Pläne gibt sich die Mäzenin bedeckt, dass sie im neu errichteten ‹Campus der Künste› auf dem Dreispitz-Areal prägend mitmischen wird, macht sie jedoch deutlich. Und ihren Stellenwert in der Kunstwelt markiert auch die kürzlich angekündigte Ausstellung mit Bruce Nauman, die 2018, in Kooperation mit dem MoMa in New York, im Schaulager gezeigt wird.
Keineswegs verpassen sollte man den Besuch des Dieter Roth Raums, Installation, Werkstatt und Werk in einem, der sonst selten für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Zudem findet jeweils sonntags eine Filmreihe zu den gezeigten Kunstschaffenden statt.
Daniela Hardmeier, Kunsthistorikerin und Kuratorin, lebt in Zürich. d.hardmeier@me.com

Bis: 31.01.2016


Sammlungskatalog: Future Present.Die Sammlung der Emanuel Hoffmann-Stiftung, Hrsg. Laurenz-Stiftung, Basel 2015, 776 S.



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Future Present (Slg. Emanuel Hoffmann-Stiftung) [13.06.15-31.01.16]
Institutionen Schaulager [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Daniela Hardmeier
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