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Fokus
11.2015


 Spätestens seit ihrem Internetprojekt ‹Vue des Alpes› zählen Monica Studer und Christoph van den Berg zu den einflussreichsten Protagonist/innen der Schweizer Medienkunst. Mittel und Methoden haben sich seitdem verändert, doch die Frage nach den Schnittstellen von Illusion und Wirklichkeit zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch ihre Arbeit. Welche Wahrnehmungen lösen ihre neuen Echtzeit-Animationen aus? Wohin führen ihre Sondierungen auf dem schillernden Grat zwischen Realität und Imagination?


Studer/van den Berg - Schwirrende Vögel, schwebende Fische


von: Markus Stegmann

  
links: Passage, 2015, Livecam-Installation. Foto: Helmut Claus
rechts: Dark Matter, 2011, HD video, loop 6'; Screenshot (3'15")


Das Eintauchen in illusionistische Welten und Wirklichkeiten übt seit jeher eine besondere Faszination auf die menschliche Imagination aus. Der spezifische Reiz liegt in der überraschenden Erweiterung bekannter Realität und in ihrer erfindungsreichen, dramatischen Überhöhung. Ob es sich dabei um die ‹Erfindung› der Perspektive in der Renaissance, die Grisaillen des 17. und 18. Jahrhunderts, die Romane eines
Jules Vernes oder die effektvollen Action-Streifen amerikanischer Filmindustrie handelt: Das Bedürfnis nach Illusion und Entgrenzung der vertrauten Realität führt zu Entdeckungslust und genussvoller Unentschiedenheit, auf welcher Realitäts
ebene man sich gerade befinde. Offensichtlich entspricht es den Grundbedürfnissen des Menschen, sich aus der alltäglichen Routine lustvoll herauszukatapultieren, neugierig auf überraschende Illusionen, auf das Eintauchen in fremde Wirklichkeiten. Was aber geschieht mit diesem archaischen Bedürfnis, wenn technische Erfindungen ungeahnte virtuelle Räume hervorbringen und deren Einsickern in den Alltag die Grenzen zwischen den Welten zu verwischen beginnt?

Jenseits individueller Erscheinung
In ihrer aktuellen Ausstellung ‹Sind wir schon in Echtzeit?› in der Städtischen Galerie Nordhorn untersuchen Monica Studer und Christoph van den Berg die porösen und sich permanent verschiebenden Grenzen zwischen alltäglicher Wirklichkeit und einer von Computern in Echtzeit generierten illusionistischen Welt. Die Ausstellung zeigt visuelle und akustische Erscheinungen, die zwar an vertraute Landschaften, Tiere oder Gegenstände erinnern, jedoch fast vollständig künstlich geschaffen wurden. Studer/van den Berg betonen im Gespräch, dass sie gern und möglichst oft die formbildenden Entscheidungen ihren Computerprogrammen überlassen, die sie zum grössten Teil selbst schreiben.
«Ich glaube, in unserer Arbeit suchen wir nach etwas, das ohne individuelle Erscheinung ist. ...Dies wiederum bedeutet eine interessante Auseinandersetzung, denn wir müssen uns fragen, wie wir die Wirklichkeit übersetzen und virtuell neu zusammenbauen.» Die neuen Arbeiten von Studer/van den Berg vermitteln einen Zustand permanenter Kippbewegungen zwischen diesen Welten. Die Betrachtenden sind einer inspirierenden Offenheit ausgesetzt, welchem Aggregatzustand der Wirklichkeit sie gerade begegnen.

Mit dem ‹Selbstrohr› in der Landschaft
Wer die Ausstellung betritt, findet nach wenigen Schritten ein grosses landschaftliches Panorama, einer Bühnensituation oder einem Filmset nicht ganz unähnlich. Mehrere, auf Wabenplatten aufgezogene, detailgenaue Abbildungen von Sträuchern, Felsen und Gräsern staffeln sich im Raum, während sich im Hintergrund eine ausgedehnte Landschaft unter strahlend blauem Himmel ausbreitet. Über einen kleinen, künstlichen See hinweg führt ein Steg auf ein Podest zu, auf welchem sich ein rätselhaftes Sichtgerät befindet. Kein Fernglas und kein Theodolit zur Landvermessung, weder Kaleidoskop noch militärisches Gerät. Guckt man in das Gerät hinein, das auf die landschaftliche Kulisse im Hintergrund gerichtet ist, sieht man diese mit einem sich dramatisch bewegenden Wolkenhimmel darüber und - zur eigenen Überraschung - bemerkt man sich selbst in diesen Viewer blickend.
So seltsam mehrdeutig dieses Gerät auch scheint, es ist nicht nur das Herzstück der Ausstellung, sondern auch eine zentrale Chiffre der aktuellen Wirklichkeitsforschungen von Studer/van den Berg. Einerseits weckt das ‹Selbstrohr›, wie es die beiden Kunstschaffenden augenzwinkernd nennen, schon von weitem die Neugier der Besuchenden, andererseits überrascht es sie beim Hineinblicken, denn die Wirklichkeiten vermischen sich zu einem faszinierenden, nicht leicht zu entwirrenden Gemenge aus Illusion, Erinnerung und Wirklichkeit.
Doch je länger man schaut, desto nebensächlicher wird es, die verschiedenen Ebenen voneinander zu unterscheiden, denn es wird evident, dass sich mit jeder Landschaftsansicht immer auch persönliche Erinnerungen und Projektionen verbinden, die den Wirklichkeits- und Bedeutungsgehalt der Landschaft massgeblich beeinflussen. Indem die Wolken schneller als in Wirklichkeit über den Himmel rauschen - zwischen sanftem Blau, romantischer Abendstimmung und bedrohlichem Gewitter mäandernd -, wandelt sich der Guckkasten in eine Wunderbüchse, entscheidend dadurch verstärkt, dass das schauende Subjekt selbst zum sichtbaren Objekt wird. So wie das Ich im selben Augenblick Subjekt und Objekt ist, wird auch die Wirklichkeit als faszinierende und zugleich brisante Mischung aus Konstruktion, Projektion und ‹wirklicher› Wirklichkeit erlebbar. Doch in dem Moment, in dem man glaubt, man habe verstanden, entzieht sich die visuelle Erscheinung und unterläuft so funkelnd wie subversiv die eben gewonnenen Überzeugungen.

Schwirrende Vögel
Der dramaturgisch geschickt inszenierte Parcours führt das Publikum über eine kleine Brücke weiter in die Ausstellung hinein. Auf der Rückseite der Landschaftskulisse findet sich ein alter Amiga 2000-Computer aus dem Jahr 1991, der in Echtzeit künstlich generierte Vogelstimmen erzeugt. Sein grün flimmernder Bildschirm zeigt Zahlen- und Buchstabenkombinationen: visuelle Dokumentation der aktuellen Konstruktion des Vogelzwitscherns. Hörbar ist die Illusion, sichtbar ihre künstliche Entstehung. Zwar reiben sich beide Wirklichkeiten aneinander, zugleich bedingen sie sich. Dem potentiell unendlichen Zwitschern unfassbar vieler Vogelstimmen entspricht an anderer Stelle der Ausstellung ein Flachbildschirm, der einen sich permanent verändernden Schwarm von nicht weniger als 7000 Vögeln zeigt, ebenfalls in Echtzeit entstehend. Völlig unberechenbar verändert der Schwarm seine Form und variiert sie in unendlicher Vielfalt. Gelegentlich lösen sich einzelne Exemplare, brechen aus der Menge aus, werden jedoch im nächsten Moment vom Schwarm wieder eingeholt. Hier die extreme, nicht mehr überblickbare Fülle der Vögel, dort die einzelne Stimme, fast schon als Individuum zu fassen. Dazwischen dehnt sich die bühnenbildartige Landschaft mit ihrem blau strahlenden Himmel aus, potentielles Gebiet sowohl für den Schwarm als auch für die Vogelstimmen, und die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Masse erhält eine neue, sinnliche Formulierung.

Schwebende Fische
Im weiteren Verlauf des Parcours gelangt man zu ‹Passage Park #3›, einer grossformatigen Projektion in einem abgedunkelten Raum. Sie zeigt eine langsame, meditative Kamerafahrt, die auf schwebende Fische, Steine, Schilf, Leitern, Klimaanlagen und viele weitere Objekte trifft. Darunter befinden sich auch grossformatige Fotografien von Landschaften oder Städten, so dass die Illusion entsteht, als blicke man aus einem Fenster ins Freie. Der illusionistische, schwarze Raum, in welchem die Objekte schweben, besitzt keine Grenzen nach oben und unten, links oder rechts. In Echtzeit setzt das Computerprogramm die geladenen Objekte, Tiere und Fotografien zu einer endlosen Folge räumlicher Konstellationen zusammen. Es ist faszinierend und unberechenbar zugleich, in welchen Kombinationen die Dinge auftauchen und im Terrain unendlicher Begegnungen wieder entschwinden.
Eine Computermaus bietet dem Publikum die Möglichkeit, die Kamerafahrt aktiv zu steuern und per Mausklick die Szenerie schlagartig zu erhellen. Als habe man einen Lichtschalter gedrückt, überblickt man plötzlich mit nüchternem Forscherauge das Setting und seine Ingredienzien. Der gewonnene Überblick geht allerdings mit dem Verlust der magischen, zauberhaften Wirkungen einher. Wach- und Traumzustand können somit hart, fast schmerzlich einander gegenüber gestellt werden. Während das ‹Selbstrohr› einer kleinen Wunderbüchse gleicht und das Subjekt unversehens in seine illusionistische Wirklichkeit integriert, zeigt sich in ‹Passage Park #3› ein faszinierender Kosmos, der seine Spannung von einer unendlichen Folge überraschender Kombinationen seiner Objekte bezieht.
Markus Stegmann, Kunsthistoriker und Autor, stegmann.m@bluewin.ch

Bis: 05.11.2015


Monica Studer (*1960, Zürich) und Christoph van den Berg (*1962, Basel), leben in Basel

seit 1991 Zusammenarbeit im Bereich Neue Medien
seit 1996 Internet-Projekte

Einzelausstellungen (Auswahl)
2001 ‹Templates›, Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel
2002 ‹a Walk, a Ride, a Lift›, Villa Merkel, Esslingen am Neckar
2005 ‹Somewhere Else is the Same Place›, Kunstmuseum Solothurn; ‹Package Holiday›, Baltic, Centre for Contemporary Art, Gateshead; ‹Yama›, Schweizer Pavillon an der Weltausstellung in Aichi
2006 ‹Vue des Alpes›, Frac Alsace, Sélestat
2010 ‹Monica Studer/Christoph van den Berg›, Fondation Beyeler, Riehen
2012 ‹Primordial Matter›, Kunstforum Baloise, Basel
2014 ‹Transit 504›, Galerie Nicolas Krupp, Basel
2015 ‹Sind wir schon in Echtzeit?›, Städtische Galerie Nordhorn



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Monica Studer/Christoph van den Berg [12.09.15-15.11.15]
Institutionen Städtische Galerie Nordhorn [Nordhorn/Deutschland]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Monica Studer/Christoph van den Berg
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