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Fokus
11.2015


 Ein umgebauter Ausstellungssaal, darin über hundert Performance-Dokumente von 35 Schweizer Künstler/innen, drei Monate aktives Performance-Festival und im Dezember dann ein dickes, «grafisch geschlecktes Buch» (NZZ) mit Texten zu Künstlern aus dreissig Jahren Ausstellungsarbeit - wie haben die Direktoren und das Team das geschafft?


Centre Culturel Suisse in Paris - Ein Blick ins Getriebe


von: J. Emil Sennewald

  
links: EW · Les métamorphoses du cercle (création), 2015. Foto: Simon Letellier
rechts: Gisela Hochuli · In Touch with M.O., 2013. Foto: Simon Letellier


Wer heute das Schweizer Kulturzentrum betritt, dem fehlt etwas. Der leere Raum über der Eingangshalle ist weg. Das Kollektiv Bureau A hat gebaut, wovon Oliver Kaeser und Jean-Paul Felley träumen: mehr Platz. Vielleicht ein Schritt zum Wunsch der Direktoren: «Ein effizienteres Werkzeug zu haben, auf der Höhe des Anspruchs, den wir hier umsetzen.» Unter dem grauen Boden stimmen Holzstreben im Eingangsbereich auf Schweizer Identität ein. Dabei ist dieses ausländische Kulturzentrum anders als die 52 anderen gar nicht aufs Promoten nationaler Identität getrimmt, wie Alain Berset, Leiter des Eidgenössischen Departements des Innern, betonte.
Doch ist dies seine Stärke, in der dichten Pariser Kunstlandschaft. Eine Nische sagen die einen, eine Lichtung die anderen. Sicher eine Erfolgsgeschichte. Als Wende «Vom Verschiebebahnhof zur Kulturfabrik» wurde die Berufung von Michel Ritter zum Direktor 2003 von Hans-Christoph von Imhoff im Kunstbulletin bezeichnet. «Fabrik» traf den Zeitgeist: Le Plateau eröffnete im Osten, das Palais de Tokyo im Westen der Stadt. Es stoben die Funken in einem sich auf kulturindustrielle Standards professionalisierenden Kunstbetrieb. Ritter schaffte Raum für kritische Reflexion, aktiv. Es kam zum Bruch mit dem alten Team. Eine prägende Erinnerung: die eisige Pressekonferenz, bei der man Handgreiflichkeiten befürchtete. 2005 schwoll dank Werbeeffekt durch Hirschhorns ‹Swiss Swiss Democracy›-Skandal die Besucherzahl auf 43'676 an. Als Ritter 2007 starb, war das CCSP in aller Munde.

Im Direktorenzimmer
Heute ist es weiter. Das Attitudes-Duo aus Genf steht unermüdlich mitten in der grossen Kunstfabrik Paris. Keine Arbeiter, Macher. «Wir sind so alt wie das CCSP», sagt Jean-Paul, «1985 haben wir uns an der Uni getroffen, seitdem arbeiten wir zusammen.» Ans Kollektive, wie die Gründer des CCSP, glauben sie nicht: «Wir verantworten das gesamte Programm, das Team setzt unsere Entscheidungen um», erklären beide knapp. «Auswahl durch Kenntnis» sei die Parole. Sie führe zu langen Arbeitstagen, viel Ausstellungs- und Theaterbesuchen. «Die Familie sehen wir wenig, aber wir haben es ja so gewollt», lächelt Jean-Paul. Das verlangen sie von den Mitarbeitern nicht. «Hier gibt es 35-Stunden-Regelung, die wir respektieren. Das Team gibt, was es kann.» Wie schafft man 40'000 Besucher jährlich, bleibt der Kunst gewogen, offen?
Durch Geselligkeit, Markenzeichen des CCSP. Und durch pointierte Qualität. Die Buchhandlung ist, nach Renovierung durch Jakob&Macfarlane und dank straffer Leitung Referenzadresse für Design- und Architekturkenner in Paris. Hier wie im Kunstzentrum prallen die Besuchenden nicht auf schnöseliges Personal. Die Vernissagen sind ein Moment ausserhalb des Pariser Konkurrenzdrucks. Entspannt gibt es Zeit für Kunst und fürs Gegenüber. Dennoch meint Olivier: «Familiäre Nähe, wie man sie in Schweizer Kunstkreisen kennt, funktioniert in Paris nicht, hier braucht es genau organisierte Glaubwürdigkeit.» Das führe natürlich zu Kritik: «Wir stellen nicht Künstler aus, bloss weil sie Schweizer sind», sagen beide, «so sind wir vom Schaufenster zum Eingang in die Szene geworden.» Die kritisiert gern das zu freundliche Programm, verlangt nach mehr politischer Brisanz, mehr Grenzgängen.

Professionell familiär
«Künstlich Polemiken produzieren» sei ihre Sache nicht. Die Herausforderung sei, im notorisch überbuchten Paris meist unbekannte Künstler einzuführen. Das spricht sich herum: 64% Pariser und nur 23% reisende Schweizer kommen hierher. Die hauseigene Zeitschrift ‹Phare›, so Chefredakteur Simon Letellier, «wird viel gelesen, er ist für viele das Fernrohr auf Made in Switzerland». Networking und klare Kommunikation ist die Strategie der Direktoren, keine Blockbuster. Aurélie Garzuel, verantwortlich für die Kommunikation, wünscht sich dennoch «endlich in der französischen Presse aufzutauchen. Der schlimmste Moment ist, wenn der Saal leer bleibt. Aber alle kommen zu uns, wenn sie sich an die Schweiz wenden wollen.»
Dabei sind die elf Angestellten Franzosen, kennen die Schweiz zunächst von aussen. Das müsse auch so sein, um auf das Zielpublikum richtig reagieren zu können. Untereinander verstehen sie sich. Im Grossraumbüro, wo alle Nase lang jemand durchläuft, sei die Zusammenarbeit «eher konfliktfrei» meint die Produktionsleiterin Celya Larré, «wir kriegen viel voneinander mit». Das sei nötig, denn, so bedauern auch die Direktoren, «Zeit für Briefing und Debriefing fehlt, hier geht alles sehr schnell, vieles auf Zuruf». Simon setzt nach: «Hier haben alle eine starke Persönlichkeit. Das führt zu Reibungen, meist produktiv.» Flexibilität und Findigkeit sind das Wichtigste für Charles Rey, neu als technischer Leiter dabei. Zusammen mit dem Kollegen Kevin Desert «müssen wir schon öfter spät abends da sein, so ist nunmal der Job».

Freuden und Träume
Mit dem Jubiläum merken alle den Preis anhaltend dynamischer Entwicklung. Simon, verantwortlich für den Jubiläumsband, «freut sich auf den besten Moment, wenn das Buch endlich da ist - 444 Seiten, nach zehn Monaten Arbeit!» Und dann erinnert Celya glucksend, wie sie mit Gregory Stauffer Tränen gelacht haben oder mit Olivier Mosset im dicken Schlitten durch Paris cruisten, bis die Polizei sie auf der Place de la Concorde anhielt. Für solche Momente hätten alle gern mehr Platz, mehr Zeit für Austausch und Begegnung. Das bleibt, zeigt ein Blick ins vollgepackte Programm, trotz angekündigter Budgeterhöhung wohl erstmal ein Traum.
J. Emil Sennewald, Kritiker und Journalist in Paris, schreibt seit 2002 für Kunstbulletin. emil@weiswald.com

Bis: 13.12.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen PerformanceProcess [18.09.15-13.12.15]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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