Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Ansichten
11.2015


 Ein Bild. Ein Traum. Eine Hütte. Schwarz und fensterlos schwebt sie über dem See, dem Spiegel des Wassers, in dem sie sich doppelt und vergeht. Einsam ragt sie aus den dichten Schwaden lichtgrauen Dunstes, der die Landschaft einhüllt und auflöst, während allein die dunkle Silhouette der Wälder das Ufer in Sichtweite hält. So nah und doch so fern.


Ansichten - Waldeinsamkeit


  
William Lamson · Untitled (Cabin), 2014, 73,66x109,22 cm, Digital C, Print, Edition von 3, Courtesy Galerie Anita Beckers


Waldeinsamkeit: Ein Sehnsuchtsbild nicht erst in unseren Zeiten, in denen sie auch deshalb rar geworden ist, da wir selbst unterwegs immer und überall vernetzt und getaktet, orientiert und erreichbar sind. Oder meinen, dies sein zu müssen.
«Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, [...] damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte», notiert Henri Thoreau 1854 in ‹Walden. Oder: Leben in den Wäldern›. Ein Buch, das davon erzählt, was einer findet, der auszieht, um die Einsamkeit und in der Einsamkeit sich selbst zu suchen. Und das kaum zufällig zum Vademecum für jene geworden ist, denen es nach einer Auszeit verlangt, weil sie sich im täglichen Getriebe und Getriebensein verloren haben. Die endlich wieder einmal mit sich sein wollen - allein.
Thoreaus einsame Hütte im Wald am See ist ein Ort, der verspricht, diese Sehnsucht zu stillen. Und ist deshalb zu einem Bild geworden, das heute wieder prominent aufgerufen wird. ‹Walden› heisst ein neues Magazin, das den Betriebsamen, die gehetzt sind von der Angst, den Zug ihres Lebens zu verpassen, von der Auslage des Bahnhofskiosks aus zuruft: «Die Natur will dich zurück». Und passend dazu, in seiner aktuellen, zweiten Ausgabe gleich die Bauanleitung für ‹Onkel Thoreaus Hütte› mitliefert. Inklusive vergleichender Kostenkalkulation: damals - jetzt. So billig wie seinerzeit ist die Hütte nicht mehr zu haben. Wie hat der das eigentlich gemacht? Oder sollten wir besser fragen: Warum hat der das eigentlich gemacht? Und warum ist uns dieser Traum heute so teuer?
Ein Bild. Eine Hütte. Aber kein Traum. Sondern ein Apparat. Einer, der Bilder einfängt und reflektiert - in doppeltem Sinn. Denn die Hütte ist eine Camera obscura. Sie schwimmt auf dem ‹Walden Pond›, jenem See im Wald, der Henri Thoreaus Sehnsucht nach Einsamkeit Heimat bot. Der amerikanische Künstler William Lamson hat sie gebaut. In ihrem Inneren befindet sich Thoreaus Hütte als verkleinertes Modell. Das Bild, das die auf dem Wasser treibende Camera obscura einfängt, wird in diesen Raum im Raum projiziert. Das Glitzern sanften Wellenspiels. Das stille Ufer. Der schweigende Wald, in Dunst gehüllt.
Hier, im Innern, ist Wirklichkeit immer Projektion. Das gilt nicht nur für das Bild von der Waldeinsamkeit. Was wir sehen, liegt in uns - und an uns selbst. Das Leben. Ein Traum. Wie wahr.
Verena Kuni, Kunst-, Medien-, Kulturwissenschaftlerin, Goethe-Universität, Frankfurt/M. verena@kuni.org.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 11  2015
Autor/in Verena Kuni
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1510141520003A9-5
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.