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Besprechung
11.2015


Katharina Holderegger Rossier :  Statt Champagner im White Cube gab es für einmal bodenständigen Wein zwischen Holzvertäfelungen und Samtbehängen: Die 1776 gegründete Société des Arts de Genève hat ihren Kunstpreis Sylvie Fleury zuerkannt, für ihre klare Sicht auf den neoliberalen Konsumrausch und eine neureligiöse Selbstsuche.


Genève : Sylvie Fleury - Meisterin des Gleichgewichts


  
links: Sylvie Fleury · The Eye of the Vampire, 2015, Ausstellungsansicht, Prix de la Société des Arts de ­Genève, Salle Crosnier, Palais de l'Athenée. Foto: Annick Wetter
rechts: Sylvie Fleury · Untitled, 2014, Techniques mixtes. Foto: Annick Wetter


Die SAG ehrt und fördert durch den mit CHF 50'000, einer Ausstellung im Palais de l'Athenée und einer Publikation bei JPR Ringier dotierten Preis eine wichtige Figur der bildenden Kunst mit intaktem Potenzial (S. 118). Seit 1970 werden in den Räumen des Palais in fünf Ausstellungen pro Jahr junge Genfer Künstler/innen vorgestellt. Viele Werke von heute angesehenen Kunstschaffenden wurden hier enthüllt.
Mit dem ersten Streich gleich Kunstgeschichte zu schreiben, das aber gelang wohl bisher nur Sylvie Fleury (*1962). Ihre 1989 in der Lausanner Galerie Rivolta zwischen Gemälde Armleders und Mossets gestellten ‹Shopping Bags› fehlen in keinem Handbuch zur zeitgenössischen Kunst. Das Readymade verkörperte nicht nur das Verschmelzen von Kunst und Mode zu Requisiten einer saturierten gesellschaftlichen Oberschicht auf einer bisher beispiellosen Bühne der Extravaganz. Gleichzeitig artikulierte Fleury auch die damit real werdenden Chancen, die paradoxen Sex-Gender-Unterfütterungen beider Felder zu sprengen. Als Fleury bald darauf Ikonen der Kunst und der Mode sowie weiterer Fetische wie in Drogentrips aufblies, verbog, auflöste und durcheinanderwirbelte, tat sich hinter dem Einverständnis mit dem Gang der Dinge indes plötzlich auch ein Unbehagen an ihnen auf. Dieses entlud sich einerseits in spektakulären Zerstörungsakten von Kunstwerken und Modeprodukten durch die Künstlerin oder Mädchenbanden, andererseits im Spirituellen. In Form bestimmter Farb-, Raum- und Tonfolgen, aber auch kraftbündelnder Kristalle und Pendel steigt so heute aus dem Rachen der Hypermaterialität ihrer Werke der Dunst der Esoterik auf, der Fleury auch ihr persönliches Gleichgewicht zuschreibt.
In ihrer Preisausstellung ‹The Eye of the Vampire› legt sie nun ein Résumé ihres fast dantesken Weltentwurfs vor. Unter einem Fries, in dem das blaue Gestänge des Super Mario-Video Games in Rosatönen feminisiert wird, fällt der Blick auf zwei riesige Augenbälle, um die sich ein Fledermauspaar zu streiten scheint wie Scrat und Scratella um die Nuss in ‹Ice Age 3›. Der Streit zwischen den beiden ‹Vampiren› kann vieles repräsentieren, vielleicht die Hoheit über den Blick zwischen den Geschlechtern oder auch zwischen Künstlerin und Publikum. Doch auch wenn das alles viel für sich hat, ist es hin und wieder doch nötig, sich in dem mit Monoprints zu einer Höhle umfunktionierten Nebenraum auf sich selbst zu besinnen und auf einen über dieses Schlachtfeld der Identitäten erhebenden Geist zu warten.

Bis: 31.10.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Sylvie Fleury [25.09.15-31.10.15]
Institutionen Athénée-Salle Crosnier [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Sylvie Fleury
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