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Besprechung
11.2015


Katharina Holderegger Rossier :  Das Musée cantonal des Beaux-Arts stimmt mit einer ungewöhnlich aufschlussreichen Giuseppe-Penone-Schau in den Herbst ein. Bernard Fibicher bewog den Künstler dazu, ­eigene und fremde Zeichnungen sowie eine Reihe von Skulpturen in Bezug zu setzen.


Lausanne : Giuseppe Penone - Die Kunst als Material


  
links: links: Giuseppe Penone · Le Foglie della pelle, 2004. Pigmente und Klebestreifen auf Papier, 48x33 cm ©ProLitteris; rechts: Kasimir Malevitch · Ohne Titel, Bleistift auf Papier, 14,4x10,1 cm. Sammlung Giuseppe Penone ©ProLitteris
rechts: Giuseppe Penone · Regards croisés, Musée cantonal des Beaux-Arts, 2015, Ausstellungsansicht, 2008 ©ProLitteris. Foto: Nora Rupp


Giuseppe Penone (*1947) hat nie richtig gesammelt. Meist im Tausch gegen eigene Arbeiten gelangten indes regelmässig Zeichnungen von Meistern der klassischen Moderne in sein Atelier in Turin. Nicht weniger als die Natur wurde ihm diese Sammlung zu einem stets verfügbaren Fundus von funkelnden Pisten, die ihn über das bereits Existente hinaus in neue Universen führte. Wie es Didier Semin im Katalog bemerkt, legt die Schau im MCBA ein bisher wenig beachtetes Fundament des Künstlers frei. Denn Cermano Celants Etikettierung von Penone als ‹Arte povera›-Avantgardist implizierte 1967 eine radikale Neuschöpfung der Kunst aus unberührter, kunstfremder Materie, auf einer ‹Tabula rasa›.
Wunderbar bilden die Liniengewebe der verdrängten Väter nun aber in sechs ­Ad-hoc-Kabinetten des MBCA den Anknüpfungspunkt für meist ebenfalls auf Papier, teils jedoch auch auf Onyx und Grafit hinterlassene Spuren des Künstlers selbst, die sich in zwei der offen belassenen Säle weiter zu riesigen Bronzeskulpturen auswachsen. Nachdrücklich werden dabei stets neue Themen angestossen: In den ersten zwei Kabinetten legen Künstler wie Modigliani, H. Richter, Balla oder der Sym­bolist A. Wildt nahe, wie sehr Penone diesen ebenso hermetischen wie auf komplexe, wirklichkeitsfremde Realitäten anspielenden Traditionen des 20. Jahrhunderts verpflichtet ist. Das Bonnard- und das Giacometti-Kabinett verweisen dagegen auf das auch für Penone zentrale Oszillieren zwischen Enthüllen und Verschleiern. Und zum Schluss wird vor Soutter und Michaux bzw. Malewitsch klar, wie stark das unsere tiefsten Instinkte entfesselnde Gestische und das unsere höchsten Aspirationen spiegelnde Mystische bei Penone gekoppelt sind.
In der Tat leuchtet durch die vielen Abdrucke, Abriebe, Abgüsse und Abklatsche in seinen eigenen Arbeiten immer wieder eine extreme Faszination für die Hand auf, dieses von der nervenreichsten Haut überzogene, mit dem feinsten Bewegungsapparat ausgerüstete Organ, ohne dessen Erfahrung und Handlung wir nichts kennen und setzen könnten. Nicht nur die kunsthistorische Kontinuität, in der Penone steht, sondern auch der Bruch mit ihr fällt einem in dieser Schau wie Schuppen von den Augen. So ist für ihn nicht mehr die Idee das A und O der Kunst wie von der Renaissance bis zur klassischen Moderne, sondern die Schleife vom Körper über die Berührung zur Umwelt und wieder zum Körper zurück.

Bis: 03.01.2016



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Giuseppe Penone [25.09.15-03.01.16]
Institutionen Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Giuseppe Penone
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