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Besprechung
11.2015


J. Emil Sennewald :  Thierry Raspail, seit 24 Jahren Chef, setzt «modern» als Leitmotto über drei Ausgaben der Biennale de Lyon. Gastkurator Ralph Rugoff liefert eine erste glatte Schau, fern des Themas. Er «hasst den Begriff Moderne», zeigt stattdessen Kunst ums Hier und Jetzt und wie wir damit klarkommen.


Lyon : Biennale de Lyon - Eine zu angenehm ironische Endmoderne


  
links: Marinella Senatore · The World Community Feels Good, 2015. Foto: Blaise Adilon
rechts: Tatiana Trouvé · Sans titre, 2015, Courtesy de la Biennale de Lyon. Foto: Blaise Adilon


‹Das moderne Leben› lautet der Titel der Biennale. Ihr Plakat zeigt einen belebten Strand, im Hintergrund lauert ein Atomkraftwerk. Kein Foto aus Jürgen Nefzgers bekannter Serie ‹Fluffy Clouds›, sondern ein Still aus dem von Yuan Goang-Ming 2014 mit Drohnen aufgenommenen Video ‹Landscape of Energy - stillness›. Das zu Werbezwecken still gestellte Bild wirkt ironischer, als es ist. Die bedrückende Kamerafahrt durch verstrahlte Ruinen zeigt, worauf unsere wohlhabende Gegenwart gründet. Einst sagte der Dichter Charles Perrault, die Modernen stünden zur Antike wie auf den Schultern von Riesen. Von dort konnten sie weit sehen. Für uns heute erscheint die Moderne des 20. Jahrhunderts wie ein verkommener Riese, aufgetürmt aus Scherben des Fortschritts. Wer sich mit ihr bloss historisch befasst, starrt nach unten auf den Haufen. US-Kurator Ralph Rugoff aber möchte den Blick nach vorn richten. Reminiszenzen der Moderne sind in Lyon eher Tapetenmuster eines Schauraums des sogenannten heutigen Lebens statt Gegenstand kritischer Analyse: so die abstrakt-expressionistischen Gemälde von George Condo. Oder Michael Armi­tages post-neo-impressionistisch gemalte Randszenen von Attentaten. Das Publikum wandert auf einem visuellen Wohlfühlteppich. Das löst Zweifel aus: Bedeutet «modernes Leben», Wirklichkeit durch Kunst zu filtern, geglättet weiterzugeben?
Sicher, der Zeitgeist braucht ein Bild der Realität, um sie erkennen zu können. Dass er sie so auch verändert, zeigt das witzige Video von Jeremy Deller und Cécilia Bengolea: Drei Vorstadtschönheiten tanzen zu Rap-Musik im gepflegten Garten ­eines älteren Herrn. «Ich steh auf Streetart», rappt der Bourgeois. Die würzige Pointe: der Mann ist Denis Trouxe, ehemaliger Kulturdezernent von Lyon. Wie Kunst das heutige Leben weiterträumt, zeigt Marinella Senatore mit ‹The Word Community Feels Good›, für das sie ehrenamtlich Bücher-Vorlesende in den Ausstellungsraum bat. Im Obergeschoss zeigt Tatiana Trouvé Bilder mit vielschichtigen, historisch-emotionalen Déjà-vus. Es geht überwiegend heiter zu beim Umgang mit digitaler Beschirmung, Realitätssuche und Identitäten. Im MAC Lyon vermutet Emanuelle Lainé: «Es scheint, dass sich gerade der Grund des Seins verändert.» Das Leben heute ist nicht modern, es ist im Übergang. Halb noch im Alten, weiss keiner, wohin den Fuss setzen. In diesem prekär schwebenden Zustand täte mehr aufgeraute Realität, mehr nachdenklicher Ernst gut. Aber das wäre vielleicht zu modern.

Bis: 03.01.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen 13e Biennale de Lyon [10.09.15-03.01.16]
Institutionen La Sucrière [Lyon/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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