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Besprechung
11.2015


Feli Schindler :  Urs Stahel, der ehemalige Direktor des Fotomuseums in ­Winterthur, lässt im Rheinland fotografische Weltwunder auf gesellschaftspolitische Todsünden prallen. Im Rahmen des Foto­festivals P7 versammelt er tausend bildstarke Zeugnisse von Gegenwart und Zukunft.


Mannheim/Ludwigshafen/Heidelberg : Fotofestival P7 - Urs Stahel und sieben prekäre Felder


  
links: Stefanos Tsivopoulos · History Zero, 2013, Filmstill, Courtesy Kalfyan Galleries, Athen/Thessaloniki
rechts: Laurence Bonvi · Sounds of Blikkiesdorp, 2014, Filmstill aus HD Video 25'


in schwarzes Baby liegt neben seiner Schwester auf einer Matratze. Das Mädchen wischt ihm mit einem Taschentuch über die Stirn, liebevoll und manchmal handgreiflich. Die Kamera der Schweizerin ­Laurence Bonvin schwenkt von der häuslichen Szene in die gleissende Sonne, fährt nun Wellblech um Wellblech ab. Wir befinden uns in einem südafrikanischen Containerdorf, wohin die Menschen zwangstransferiert wurden, als ihnen die Mächtigen der Fussball-WM 2010 das Domizil raubten. Das Versprechen auf Rückkehr in die Heimat wurde nie eingelöst. Wohnraum bedeutet Kapitalmaximierung. ‹Urbanismus und Real Estate› heisst denn auch eines der sieben prekären Felder, die der Zürcher Kurator, inspiriert von den sieben Weltwundern und Todsünden - «Wir schaffen Wunder und zerstören sie wieder» -, auf sieben Institutionen verteilt. Ebenfalls im Mannheimer Zephyr ist nebst Bonvin die Installation der Japanerin Hiroko Komatsu zu erleben. Der begehbare Raum führt mit über 2500 Baustellenfotos und wuchtigen, über eine Wäscheleine hängenden Fotobahnen ins Reich der analogen Fotografie und - man riecht es förmlich - der Entwicklerlösung. «Das Leben ist eine Baustelle, ein steter Abbruch und Aufbau», sagt Komatsu, eine der Entdeckungen des Festivals.
Um Waren- und Menschentransporte geht es im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen. Ad van Denderen etwa dokumentiert Orte, auf denen Zäune gegen Migranten errichtet werden und gleichzeitig Golf gespielt wird. Zynischer geht es kaum. Und ­Boris Mikhailov zeigt Bildbanner vom blutigen Maidan-Aufstand in Kiew. So viel Betrübnis macht traurig, wäre da nicht in der Kunsthalle Mannheim Stefanos Tsivopoulos, der unter dem Motto ‹Geld und Gier› in einer witzigen Videotrilogie zusammenführt, was nicht zusammengehört: einen Migranten, einen Schickimicki-Künstler und eine schwerreiche Griechin. Im Port25 wiederum beeindrucken unter dem Thema ‹Wissen, Ordnung, Macht› Yann Mingards Fotografien aus dem Besamungslabor. In Heidelberg führt einem die packende Selfieschau der jungen Zürcher Rico Scagliola und Michael Meier das Thema ‹Selbst-Stress› vor Augen. Und mit Arbeiten von globaler ‹Kommunikation und Kontrolle› beschliesst der ansässige Kunstverein diesen klug ausgelegten Fotomarathon. Jules Spinatsch übrigens ist der Mann, der alles zusammenhält. Die in situ entstandenen Wandarbeiten zeichnen ein Bild der Gastgeberstädte: nie beschönigend und doch von strenger Schönheit.

Bis: 15.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen 6. Fotofestival [18.09.15-15.11.15]
Institutionen Kunstverein Ludwigshafen [Ludwigshafen/Deutschland]
Autor/in Feli Schindler
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