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Besprechung
11.2015


Deborah Keller :  Ausgehend von seinem Geburtsort im Mittleren Westen der USA hat der amerikanische Konzeptkünstler Stephen Prina für die Kunsthalle Sankt Gallen eine Ausstellung gestaltet, die in einem Reigen von Objekten, Fotos und Gemälden persönliche und globale Geschichte assoziativ verwebt.


St. Gallen : Stephen Prina - galesburg, illinois+


  
Stephen Prina · galesburg, illinois+, 2015, Ausstellungsansicht Kunst Halle Sankt Gallen. Foto: Gunnar Meier


Als Erstes sieht man sich in Stephen Prinas (*1954, Galeburg) Ausstellung eigenwilligen Displays gegenüber, die Alltagsgegenstände bedeutungsvoll inszenieren. Ein Buch des amerikanischen Fotografen Arnold Newman liegt aufgeschlagen auf einem Podest, das mit gläserner Auflagefläche, Distanzhalterung und unterlegtem Spiegel auch die Untersicht der Publikation ermöglicht. Daneben thront auf einem sarkophagartigen Sockel, eingeklemmt zwischen Elefanten-Buchstützen, die sechsbändige Biografie Abraham Lincolns, verfasst von Carl Sandburg. In Band II klemmt ein Blatt mit dem Porträt von Marylin Monroe. Die schöne Blonde taucht erneut in einer Foto auf, gemeinsam mit Sandburg, abgelichtet von Newman. Nah beim Eingang schliesslich steht ein kleinerer Sockel, der in einer Vertiefung einen Streichholzbrief und zwei Münzen enthält, von denen die eine Abraham Lincoln zeigt. Das Arrangement ist auf einen Stoff gebettet, der auch in den anderen Zeigevorrichtungen, als Fotopassepartout und im Verbund mit Malereien von Prina erscheint. Das in St.Gallen produzierte Tuch repetiert das Sujet des besagten Streichholzbriefs, der vom ehemaligen Harbor Lights Supper Club in Galesburg, Illinois stammt - dem Geburtsort von Prina, um den sich der ganze Reigen in der Kunsthalle dreht.
Prina ist nicht nur für sein breites mediales Spektrum und auch als Musiker bekannt, wovon die St.Galler Schau ebenfalls eine Kostprobe bietet. Man ist es von ihm auch gewohnt, dass historische Fakten und Kunstwerke - eigene oder fremde - zur Ausgangslage neuer Arbeiten werden. Mit dem Fokus auf seinen Geburtsort stellt er sich nun, wie er sagt, seiner Abneigung gegenüber autobiografisch gefärbter Kunst. Ausgehend von der kleinen Stadt im Mittleren Westen der USA, anhand von Gegenständen und Fotos, verwebt er persönliche, kulturelle und weltpolitische Geschichte auf assoziative Weise: Im Harbor Lights Supper Club war Prina Ende der Siebzigerjahre als Musiker aufgetreten. Der Lincoln-Biograf Sandburg stammte aus Galesburg, ebenso Dorothea Tanning, die surrealistische Malerin und Frau von Max Ernst, der Prinas Installation auch Tribut zollt. Es ist eine dieser Ausstellungen, die das ­Publikum zur detektivischen Zusammensicht der Dinge auffordert, aber die komplette Entschlüsselung ausschliesst. Dabei bleibt die teils kryptische, humorvolle Schau nicht in dem persönlichen «Experiment» von Prina verhaftet, sondern thematisiert ebenso Geschichtsschreibung und Präsentationsmethoden.

Bis: 29.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Stephen Prina [26.09.15-29.11.15]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Stephen Prina
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