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Besprechung
11.2015


Kristin Schmidt :  Komplexe Gestaltung, aufwendige Arbeitsprozesse, unkonven­tionelle Formen und Farben - Phyllida Barlow und Richard ­Deacon interessiert, wie sich Materialien verhalten. Die Koinzidenz zweier unabhängig entwickelter Ausstellungen erlaubt eine vergleichende Betrachtung und macht Unterschiede deutlich.


St. Gallen/Winterthur : Phyllida Barlow und Richard Deacon - Prozesshafte Plastik


  
links: Richard Deacon · On The Other Side, 2015, Installationsaufnahme. Foto: Reto Kaufmann
rechts: Phyllida Barlow · Installationsansicht, 2015, Courtesy Ursula Hauser Collection. Foto: Stefan Rohner


Beide gehören zu den Grossen der internationalen Bildhauerszene, beide arbeiten seit über vierzig Jahren an ihrem plastischen Werk, beide loten die Möglichkeiten des Materials aus, ohne einem vorgefassten Formgedanken zu folgen. Gemeinsamkeiten zwischen Phyllida Barlow und Richard Deacon gibt es einige, doch zahlreicher noch sind die Unterschiede. Daher ist die Gleichzeitigkeit der beiden monografischen Ausstellungen in der Lokremise St.Gallen und im Kunstmuseum Winterthur ein Glücksfall. Und es passt ebenso gut, dass Phyllida ­Barlow (*1944) in der noch immer nachwirkenden Arbeitsatmosphäre des ehemaligen St.Galler Lokomotivdepots zu sehen ist und Richard Deacon (*1949) im hochästhetischen, reduzierten Ambiente des Winterthurer Museumsanbaus von Gigon Guyer.
Bei Barlow wuchert und quillt es. Die britische Künstlerin rezykliert und kumuliert. Alles birgt Veränderungspotenzial, könnte weiterwachsen und noch stärker in den Raum hineingreifen - und das, obwohl sie für diese Schau bestehende Werke aus unterschiedlichen Werkgruppen kombiniert und nicht wie sonst, bspw. in der letztjährigen Ausstellung in der Tate Britain, Plastiken eigens für den Raum entwickelt. Auch die bestehenden, abgeschlossenen Werke zeigen ungebändigte Dynamik und einen provisorischen, unfertigen Charakter. Die Oberflächen sind rau, die Materialien disparat. Plastik trifft auf Karton, Filz auf Zement, Styropor auf Holz. Kunststoff­bänder bilden unentwirrbare Knäuel, rosafarbene Stofffetzen drängen aus kolossalen Baumaterialbällen. Formen sind aufgebrochen oder zu fragilen Haufen getürmt.
Ganz anders bei Deacons in den letzten zehn Jahren entstandenen Werken. Statt der Lust am Vermengen und Häufen dominiert die Freude an der Finesse, statt schrundiger Oberflächen die geschliffene oder glasierte Haut. Deacon betont die Qualität des Materials, indem er es gerade nicht seinen Eigenschaften gemäss verwendet, sondern manipuliert und die Grenzen dessen auslotet, was sich mit Holz oder keramischen Werkstoffen konstruieren lässt. Dies wirkt bisweilen manieriert, mündet aber letztlich im spannungsvollen Inszenieren von linear umschriebenen Zwischen- oder Binnenräumen. Das Verhältnis von Innen und Aussen ist Deacon ebenso wichtig wie das physisch Vorhandene. Dessen Gestalt ergibt sich besonders bei den Keramiken erst während des Arbeitsprozesses. Und hierin gleichen sie schliesslich Barlows ungestümen Werken.

Bis: 15.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Phyllida Barlow [22.08.15-08.11.15]
Video Video
Ausstellungen Richard Deacon [22.08.15-15.11.15]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen – Lokremise [St. Gallen/Schweiz]
Institutionen Kunst Museum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Phyllida Barlow
Künstler/in Richard Deacon
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