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Besprechung
11.2015


Verena Doerfler :  Die Ausstellung beginnt mit einem Brief. Adressiert sind: Wir - die «Dear Visitors». Die Absenderinnen: Pauline Boudry und ­Renate Lorenz - seit 2007 in Berlin arbeitendes Künstlerinnenkollektiv. Die Kunsthalle Zürich widmet ihm eine Ausstellung. Der Titel der wichtigen wie eigenwilligen Show: ‹Portrait of an Eye›.


Zürich : Pauline Boudry & Renate Lorenz - Erkundungen über das Selbst


  
links: Pauline Boudry/Renate Lorenz · Portrait of an Eye, 2015, Installationsansicht Kunsthalle Zürich. Foto: Annik Wetter
rechts: Pauline Boudry/Renate Lorenz · Opaque, 2014, Super 16mm / HD Video. Foto: Annik Wetter


Im Brief schreiben die Künstlerinnen, ihnen gefalle die Vorstellung, dass wir, die Besucher/innen, den Raum «from behind a screen» betreten. So könne für diejenigen, die sich bereits die erste ihrer Videoarbeiten ansehen, der Eindruck entstehen, die neu hereinkommende Besucherin sei Teil und Performerin des über die Grenzen der Leinwand hinauswachsenden Films, der gerade gezeigt wird. Und tatsächlich: Da hängt ein Filmscreen, den wir erst von der Rückseite sehen und später umrunden werden. Weiss ist er und drapiert mit etwas, das wie die Attrappe einer in ihre Einzelteile zerlegten blonden Perücke wirkt - dieses altbewährte Requisit, mit dem sich Identität immer noch so wirkungsvoll verschleiern lässt.
Darum geht es in dieser eigentlich kaum zu beschreibenden Ausstellung: um das Spiel mit Identität. Um die stete Neuerfindung unseres Selbst. Um Fake, Film und fiktionale wie reale Figuren. Patin für die gesamte Ausstellung ist - neben anderen - die queer-theoretisch beschlagene Punk-Poetin Kathy Acker und ihre literarisch-künstlerische wie poetische Strategie der Text-Approbationen, Cut-ups und Zufallsverfahren. Für die drei hier vereinten Videoarbeiten heisst das: Man sitzt mit Chelsea - aka Bradley Manning, international renommierte und inhaftierte US-amerikanische Whistleblowerin, die sich 2013 zu ihrer Transgender-Identität bekannte, die wiederum eigentlich Kathy Acker ist, die ihrerseits aber eigentlich die Performerin Sharon Hayes darstellt - in einem Raum und denkt über Geschlecht und Sexualität im Militär nach. Man lauscht schräger Musik, die beim genauen Hinhören gar nicht so schräg klingt - nur ungewohnt für unsere, auf Tonalität getrimmten Ohren. Man sieht einen Mann singen, der nicht singt und kein Mann ist, aber auch nicht wirklich eine Frau, aber als solche - mit Nagellack und einen schönen, rotblonden Mustache - zu hören ist. Auf der Bühne eines alten, wunderschönen Bads - in Berlin-Mitte vielleicht?
Man weiss das alles nicht so recht. Aber das ist auch Sinn und Zweck dieses Settings: die Barriere unseres Denkens und Einordnen-Wollens zu sprengen, wie es in etwa in einem der Filme heisst. Weil Fake, ein «so tun als ob», hier der Modus ist, in dem ein anderes Dasein erprobt wird. Das durchaus zu Realität werden kann. Die Message: Es gibt kein Original - kein sexuelles, kein literarisches und auch kein künstlerisches. Irgendwie nimmt sie einen also mit, diese Ausstellung. Auf eine schwer fassbare Weise...

Bis: 08.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Pauline Boudry, Loretta Fahrenholz, Renate Lorenz [29.08.15-08.11.15]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Verena Doerfler
Künstler/in Pauline Boudry
Künstler/in Renate Lorenz
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