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Besprechung
11.2015


Daniel Morgenthaler :  Die Genfer Künstlerin Joëlle Flumet versteht es, die Grammatik unserer Realität durchzukonjugieren - bis in die Surrealität. Dafür erhält sie den mit einer Ausstellung in der Zürcher Galerie Fabian & Claude Walter verbundenen Kunstpreis der Keller-­Wedekind-Stiftung 2015.


Zürich : Joëlle Flumet - Le déjeuner sur le giratoire


  
links: Joëlle Flumet · Selfie sur l'herbe, 2015, Zeichnung, Plakat für einen Kreisel, 128x268,5 cm
rechts: Joëlle Flumet · Le Radeau 1, 2013, Zeichnung, 70x100 cm


Der Imperfekt kann für den perfekten Skandal sorgen. Als Joëlle Flumet (*1971, Genf) 2012 für eine Ausstellung im Zürcher Kunstraum K3 einen Slogan von Ernst & Young abänderte, kam das im nebenstehenden Headquarter der Controlling-Firma nicht gut an. Dabei veränderte Flumet nur das Tempus: Aus «Quality in Every­thing We Do» machte sie «Quality in Everything We Did» und setzte den neuen alten Slogan in Metalllettern auf die Gebäudefassade. Schon die Vergangenheitsform reicht in einer Wirtschaft, die vor allem auf die Zukunft wettet, zum Skandal.
Flumet konjugiert die Realität meist nur ganz leicht, um zu ihren Arbeiten zu kommen - wie sich aktuell auch in ihrer Ausstellung in der Galerie Fabian & Claude Walter zeigt. Die Künstlerin wurde mit dem Kunstpreis der Keller Wedekind-Stiftung ausgezeichnet, der die Finanzierung einer Einzelschau beinhaltet. Beziffert wird der Preis auf CHF 70'000, wovon die Künstlerin lediglich CHF 10'000 in bar erhält; die restlichen Mittel fliessen in einen Katalog, die Ausstellung und einen Ankauf durch die Stiftung (S. 117). Für ‹Emois ordinaires - gewöhnliche Aufregungen›, so der Titel der Schau, sorgt Flumet hier zum Beispiel, indem sie die Szenerie von Manets ‹Le déjeuner sur l'herbe› auf das Wieschen eines Verkehrskreisels überträgt. Dieses ‹déjeuner sur le giratoire› kann, als Druck in Weltformat, tatsächlich auf einem Genfer Kreisel umfahren werden. In der Galerie ist es als gerahmter Druck zu sehen, in der für ­Flumet charakteristisch gewordenen Ästhetik des digitalen Zeichnungsprogramms Illustrator. Neben der Verpflanzung in den sehr unromantischen - und in Kunstkreisen hochironisierten - Kontext eines Kreisels ergänzt Flumet die Szenerie noch mit der Keule des beginnenden 21. Jahrhunderts, dem Selfie-Stick. Hier geht es also nicht nur um den Verkehrs-, sondern auch um den Bildkreislauf. Und im Auge des Strudels geben uns nur noch unsere Bildkrücken Halt.
Flumet konjugiert in der Schau auch ein Flüchtlingsfloss zu einer Wellness-Insel weiter, auf der sich Illustrator-Figuren in Morgenmänteln räkeln. Oder sie versetzt - ganz ähnlich wie beim Slogan von Ernst & Young - eine Leiter in die Vergangenheit: Das Leiterchen ist nicht mehr, sondern war, weil Flumet dessen Sprossen so zurückgeschliffen hat, dass sie nicht mehr betretbar sind und hoch gehängter Leckstein, der normalerweise Vieh vorbehalten ist, nicht beleckt werden kann. Auch da hilft also nur noch der Selfie-Stick.

Bis: 28.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Joëlle Flumet [06.11.15-28.11.15]
Institutionen Fabian & Claude Walter [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Joëlle Flumet
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