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Besprechung
11.2015


Stefanie Manthey :  «There is no need for this to exist, and yet it does in a very ­articulated way», so Andra Ursuta über ihr zwischenzeitlich zerstörtes Elternhaus im rumänischen Salonta. Ihre Erinnerungen an die unauflöslichen Ambivalenzen in der Geschichte Rumäniens hat sie in puppenhausähnliche Raummodelle übersetzt.


Basel : Andra Ursuta - ‹Counter Forms›


  
Andra Ursuta · Whites, 2015, Installationsansicht Kunsthalle Basel, Courtesy Massimo de Carlo, ­Mailand/London; Ramiken Crucible, New York. Foto: Philipp Hänger


Elena Filipovic kuratiert die beiden weissen Geschosse der Kunsthalle Basel in ihrem ersten Jahr als Direktorin in dichter Taktung stereo. In den Bässen sind die aktuell präsentierten Positionen von Maryam Jafri ( KB, 10/2015, S. 88/89) und Andra Ursuta (*1979) verwandt, in den anderen Frequenzen nicht. Der Entscheid, Ursuta einzuladen, lässt Filipovics Interesse an ‹Counter Forms› anklingen. Diesen Typus künstlerischer Arbeiten hat Filipovic bereits 2013 in den Œuvres von Paul Thek, Hannah Wilke, Alina Szapocznikow und Tetsumi Kudo aufgespürt und wie folgt analysiert: «Intractable, unsettling, one could call them ‹Counter Forms›: decidedly not formalist exercises and yet not totally amorphous either - forms they are. »
Zunächst wollte Ursuta Biberratten im Oberlichtsaal hausen lassen, Tiere, die in ihrer Kindheit in Rumänien eine zentrale Rolle spielten, die wegen ihres Fells gezüchtet, aber auch geschlachtet und gegessen wurden. Mit den schmutzigweisen Formen aus Aquaresin, die auf in New York gesammelten, gebrauchten Stühlen im Oberlichtsaal Platz genommen haben, schickt Ursuta den Obelisken als Inbegriff modernistischen Formenvokabulars mit einer grossen Portion schwarzen Humors in die geriatrische Klinik. Die bissig-erschlaffte, latent inkontinente, mit Schädelfragmenten und leeren Augenhöhlen versehene Population konterkariert das Phantom der reinen Form, sitzt auf ausgemusterten Drehsesseln, Hockern und Sitzflächen aus Fake-Gemüse in erstarrter Kunststoff-Sülze.
Die seit 1997 in New York lebende Ursuta zielt mit bekannten National-Symbolen auf schwelende Kontroversen: In Basel mutiert sie das Schweizer Kreuz zum umgekehrten Kreuz und setzt es als Zündbild in einen überdimensionierten Feuerbehälter. Im Plakat hat diese Variante des Schweizer Kreuzes einen Schlund aus Nasenhöhlen. Was aus ihnen herausdringt, ist nicht neutral, weiss und keimfrei, sondern nah am Anderen, Verdrängten, und hat darin seine politische Brisanz, weil es das Eigene als Souveränitatsgaranten unterminiert und auf das Andere, als das Fremde hin öffnet. «Art is a way for me to test-drive uncomfortable things. [...] I think art is too dependent on its structure. It should really be something that functions outside of that if it's genuinely good. And if not, then it's just garbage that is going to end up in the mass grave of art.»

Bis: 01.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Andra Ursuta [04.09.15-01.11.15]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Stefanie Manthey
Künstler/in Andra Ursuta
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