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11.2015




Kiew : The School of Kyiv


von: Herwig G. Höller

  
Yves Netzhammer · Das Kind der Säge ist das Brett, 2015, Kiew Biennale


Es ist eine verspielte Hommage mit dem Titel ‹Das Kind der Säge ist das Brett›, die Yves Netzhammer im Rahmen der Kiewer Biennale als Quasi-Einzelausstellung präsentiert: Im grossen Saal der Galerie Lawra zeigt er lose aufgestellte Latten sowie Videoprojektoren auf bunten Stativen, an den Wänden kleine Videos und schwarze Rechtecke, die in ihrer Anordnung als suprematische Kompositionen durchgehen könnten.
Ein komplexes Dreikanalvideo räumt schliesslich alle Zweifel aus: Der 1878 oder 1879 in Kiew geborene und 1935 in Leningrad verstorbene Kasimir Malewitsch hat dem Schweizer hier Pate gestanden - jene computeranimierten Männchen, die zunächst etwa um einen Verhandlungstisch sitzen und sich anschliessend wie die Mächtigen dieser Welt zu einem Gruppenbild aufstellen, sind Gemälden wie ‹Sportler›, 1930-1931, aus dem Spätwerk des Avantgardisten entsprungen.Netzhammer bleibt thematisch nicht allein. Im ausrangierten ‹Kleiderhaus› im Zentrum Kiews warten die österreichischen Kuratoren Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer auch mit einem ‹Schrein für das Malewitsch-Quadrat und andere Abstraktionen› der Inderin Sheela Gowda auf, zudem präsentieren sie die Installation ‹Die letzte futuristische Ausstellung› - 1985 hatte der unter dem Pseudonym Kazimir Maljevic bekannte serbische Künstler jene epochale Ausstellung rekonstruiert, in der 1915 erstmals ein ‹Schwarzes Quadrat› zu sehen war.
Freilich könnten diese Arbeiten als blosse Kunst über Kunst durchgehen, doch nicht auf dieser aussergewöhnlichen Biennale in Kiew: Die Kuratoren trotzten mit ‹The School of Kyiv› der im März erfolgten Absage durch die zunächst verantwortliche Staatsinstitution und zogen das Projekt ohne den ukrainischen Staat und mit internationaler Unterstützung durch, ganz im Geist des Maidan. Die Biennale selbst wurde über die ganze Stadt verteilt, das Publikum wirkte bisweilen auch deshalb ein wenig überfordert. Zumindest in den ersten Ausstellungstagen blieb der grosse Andrang aus.
Programmatisch beschäftigen sich Saxenhuber und Schöllhammer vor allem mit einem schwierigen Hier und Jetzt in der Ukraine - sowohl in «Schulen», dem Diskussionsprogramm, als auch gerade mit vielen Beiträgen junger ukrainischer Künstler wie Jewhenija Belorusez, Nikita Kadan, Mykola Rydnyj oder David Tschitschkan.
In diesem Kontext avancieren auch Malewitsch-Verweise zum politischen Statement: Denn die ukrainische Hauptstadt versucht gerade ihren Sohn für sich zu entdecken und vor allem Russland ein wenig wegzunehmen: Publizisten betonen seine Ukrainisch-Kenntnisse und initiierten eine Malewitsch-Strasse in Kiew. Manche wollen gar den Kiewer Flughafen nach ihm benannt wissen. Dabei gibt es vom Künstler, dessen Karriere vor allem mit Moskau und Petersburg verbunden ist, praktisch keine Arbeiten in ukrainischen Museen. Aus einem einfachen Grund: Lokale Kunstbürokraten hatten in Sowjetzeiten einfach kein Interesse an seinem Werk gezeigt.

Bis: 01.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Autor/in Herwig G. Höller
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