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Hinweis
11.2015




London : Ai Weiwei


von: Brita Polzer

  
Ai Weiwei · Straight, 2008-12, Armiereisen, 600x1200 cm, Lisson Gallery, London. Image courtesy Ai Weiwei ©Ai Weiwei


In elf Räumen der Royal Academy of Arts werden Arbeiten des chinesischen Künstlers Ai Weiwei (*1957, Peking) gezeigt. Pro Raum auf ein Thema fokussierend, ist die Ausstellung klar gegliedert und eine Freude fürs zahlreich strömende Publikum. Dabei sind keineswegs alle Arbeiten überzeugend. Die Verwendung des wertvollen Marmors zur Darstellung alltäglicher Dinge mutet arg forciert an. Auch die Nachbauten von Weiweis Haftzelle sind - obwohl in der Dimension stark verkleinert - zu sehr Eins-zu-eins-Spiegelungen von Realität. Andere Arbeiten dagegen sind phantastisch - weil sie ambivalenter schwingen und das gros-
se politische Engagement des Künstlers auch ästhetisch überzeugend einbringen. Da gibt es aus gebrauchten Ziegelsteinen sorgfältig geschichtete Mauern und zwischen den Steinen befinden sich Reste von zerlegten Tempeln, einzelne hölzerne Möbel- oder Architekturstücke. In der Volksrepublik wurde alles Alte, scheinbar dem wirtschaftlichen Aufschwung im Wege stehende, niedergemacht. Ai Weiwei hat Teile der Tempel als Zeugen eines verschwundenen Handwerks, auch einer anderen Weltsicht, gesammelt, um sie immer wieder in seine Arbeit einfliessen zu lassen - als Erinnerungen, dass andere Möglichkeiten existieren, ein anderes Leben gelebt werden kann. Wie eingeschweisst in die kompakten Steinmauern muten die Tempelrelikte wie jetzt stillgestellte, aber auch geborgene Schätze an, und die Mauern werden zu Schutzwällen, mächtig genug, zerstörenden Kräften zu trotzen. Unglaublich ist der Raum mit Arbeiten, die in der Folge des Erdbebens 2008 in Sichuan entstanden. Auch hier widmet sich der Künstler dem Verletzten, Kleinen, um es wieder stark zu machen. Ein Film zeigt die Auswirkungen des Erdbebens mit heftigen Bildern, dann wird Ai Weiweis Weg bis zur Anfertigung von ‹Straight›, 2008-12, dokumentiert: Wie er vergeblich versucht, von offizieller Seite Informationen über die Gründe des Kollapses der Schulhäuser zu erhalten (Korruption), die Orte des Unglücks aufsucht und schliesslich beginnt, die total verbogenen Armiereisen zu sammeln (200 Tonnen), um sie später in seiner Werkstatt in Peking in endloser Handarbeit wieder gerade hämmern zu lassen, bis sie wie vor dem Unglück sind - als hätte dieses nicht stattgefunden, als sei der Künstler ein Gott, der die Zeit zurückspulen kann, als hätten wir nochmals eine Chance, es besser zu machen.

Bis: 13.12.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen Ai Weiwei [19.09.15-13.12.15]
Institutionen Royal Academy of Arts [London/Grossbritannien]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Ai Weiwei
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